Montag, 30. Oktober 2017

Hans-Georg Grimm - Abschied bei RRH

Gimms-Krams 


Für "rim" zum Abschied

Von Jürgen Dieter Ueckert



Wenn mich an die Tage erinnere, an denen ich begann, bewußter Tageszeitungen zu lesen, dann kommt mir immer die Hohenloher Zeitung in Künzelsau in den Sinn. Damals aber achtete ich nicht auf die Namen der Redakteure, sondern nur auf das, was „die Zeitung“ geschrieben hatte.

Als ich dann wieder aus der Hohenloher Diaspora nach Heilbronn zurückgekehrt war, da gehörte die Heilbronner Stimme für den Jungpolitiker Ueckert zur Pflichtlektüre. Und hier stach mir der Name Hans Georg Grimm erstmals ins Auge.

Ich kann mich auch noch an eine Begebenheit aus dieser Zeit in einer Heilbronner Kneipe in der Hafenmarkt-Passage erinnern, in der bei einer Kurzdiskussion der Jungpolitiker von der SPD von Hans Georg Grimm kurz und knapp zusammengebügelt wurde. Gewohnt war ich bisher in Diskussionen lange, ausgetappte Argumentationen. Der Schlag saß. Ich weiß nicht mehr, um was es dabei ging. Ich weiß nur noch, daß ich lange darüber nachgedacht hatte. Ein Vorzeichen für die spätere Zusammenarbeit bei Radio Regional Heilbronn.

Und dann im Jahre 1987 - so im Januar/Februar muß es gewesen sein - die ersten Kontakte zum Hause Heilbronner Stimme. Ein Privatradio sollte aufgebaut werden. Das reizte mich schon. Aber das Angebot des Südfunks lag auch auf dem Tisch. Weg vom Neckar-Express, das war beschlossene Sache. Aber wohin?

Nach langen, schlaflosen Nächten überwog der Drang zum Neuen, das in einem seriösen Zeitungshaus entstehen sollte. Würde ich diese Entscheidung heute nochmals so fällen? Das frage ich mich jetzt oftmals. Nein - lautet dann meine schlichte Antwort. Aber, wenn man vom Rathaus kommt, dann ist man bekanntlich immer schlauer. Vielleicht hat all das Gezerre der letzten Jahre doch sein Gutes. Wer weiß?

Was soll ich noch über die Zeit seit dem 1. Juli 1987 sagen? Es hat alles, der Aufbau, der Umbau, der tägliche Krieg um die besten Sendeformen bei Radio Regional viel Nerven gekostet - vor allem aber acht Jahre Leben. Und der Lohn? Es gab viel zu lernen.

Und heute? Da steuert all das Radio-Geschehen auf den 30. September 1995 zu. Niemand weiß, was danach kommen wird. Deshalb jetzt mein Rückblick auf die Geschehnisse der letzten Wochen, auf den Kampf um ein bißchen Überleben.

Die Erklärungen der Gewerkschaften „Deutscher Journalistenverband Baden Württemberg“ vom 07.02.1995 und „Industriegewerkschaft Medien - Landesbezirksvorstand Baden Württemberg“ vom 07.02.1995 zur bevorstehenden Schließung des Sendestudios Heilbronn von Radio TON-Regional im Hause Heilbronner Stimme haben endlich eine gewisse Öffentlichkeit in dieses auch für uns Mitarbeiter teilweise undurchsichtige Spiel gebracht.

Nachdem sich jetzt die verschiedenen Parteien im Unterland, der Heilbronner Oberbürgermeister sowie einige Landtagsabgeordnete auch in der Öffentlichkeit für den Sendestandort Heilbronn stark gemacht haben, hegen wir Mitarbeiter im Radio TON-Regional-Studio Heilbronn die Hoffnung, daß sich im März 1995 doch noch alles ein wenig positiver für uns und für den Sendestandort Heilbronn darstellt als momentan.

Aus den Erklärungen von Frank Distelbarth als Mitgesellschafter bei Radio TON-Regional und Eigentümer der Heilbronner Studios und von Christian Frietsch, dem Radio TON-Regional-Generalbevollmächtigten, geht hervor, daß eine endgültige Entscheidung über den Sendestandort für das Basisprogramm von Radio TON-Regional am 3. März 1995  (bzw. am 15. März) auf einer Gesellschafterversammlung fallen soll.

Wir als Mitarbeiter haben auch davon gehört, daß die Heilbronner Stimme ihre Sendestudio-Räumlichkeiten im Stimme-Hochhaus in Heilbronn zum 31.03.1995 gekündigt haben soll. In einem Brief des Herrn Frietsch vom 10.02.1995  an den DJV in Stuttgart wird diese Kündigung bestätigt. Allerdings gelte, so wurde mir aus dem Hause Heilbronner Stimme bekannt, diese Kündigung nur für den Fall, daß der Sendestandort Heilbronn mittels Gesellschafterbeschluß aufgegeben werde. Verständlich dürfte ja auch sein, daß bei der vorhandenen technischen Ausstattung der Studios im Heilbronner Stimme-Hochhaus ein neuer Mietvertrag ausgehandelt werden muß - und das benötigt bekanntlich seine Zeit.

Die Stadt Heilbronn als Sendestandort des Fensters „Frankenradio“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunkprogramm Südfunk 4 und derzeit noch eines Privat-Hörfunkprogramms würde durch den Wegfall des Radio TON-Regional-Sendestudios in der Medienlandschaft Baden Württembergs erheblich geschwächt. Die Berichterstattung des Südfunks aus seinem Heilbronner Regionalstudio ist in den vergangenen Jahren durch die bekannten Sparmaßnahmen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eingeschränkt worden. Wenn jetzt noch das Studio des einzigen in Heilbronn ansässigen Privat-Hörunksenders wegfiele, dann wird das Zentrum der Region Franken langsam aber sicher im Hörfunkbereich ausgetrocknet und erleidet einen schweren Standortnachteil gegenüber anderen vergleichbaren Städten in Baden Württemberg.

Heilbronn war bestimmt noch nie auf Baden Württemberg bezogen ein herausgehobener Medienstandort. Aber Radio Regional Heilbronn mit seinen Frequenzen in Heilbronn (25 KW - 103,2 MHz) und Langenburg (50 KW - 100,1MHz) hatte es immerhin geschafft, mit seinem Vollprogramm seit November 1987 als einziges Medium in der Region eine publizistische Klammer für den Raum Heilbronn / Künzelsau / Schwäbisch Hall / Crailsheim / Wertheim / Tauberbischofsheim / Bad Mergentheim / Eppingen / Ludwigsburg zu bieten. Keine Tageszeitung in der Region konnte bisher diese Aufgabe bewältigen.

Das neue Landesmediengesetz hat nun den gut funktionierenden, beim Hörer erfolgreichen und Geld verdienenden Privatsender Radio Regional beseitigt. Heute bietet das Heilbronner Studio von Radio TON-Regional mit seinen Sendern in Heilbronn, Künzelsau, Schwäbisch Hall und Crailsheim ein Programm, das aus dem Radio-Regional-Konzept hervorgegangen ist - und das bei den Hörern nach wie vor gut ankommt. Das Studio in Bad Mergentheim bietet mit seinem Radio TON-Gold-Konzept ein Programm für den Raum Bad Mergentheim, Tauberbischofsheim und Wertheim. Die laufende Hörerumfrage wird zeigen, welches Konzept von den Hörern bevorzugt wird. Es ist daher höchst widersinnig, zum jetzigen Zeitpunkt einen der beiden Sender, vor allem den erfolgreichen, aufzugeben.

Würde der Sender Heilbronn mit seinem Basisprogramm, das Informationen aus der Region, Baden Württemberg, Deutschland und aller Welt zu jeder Tagesstunde journalistisch aufbereitet bietet, jetzt nach Bad Mergentheim verlegt werden, um in den dort vorhandenen Sendebetrieb integriert zu werden, dann wäre das auch das Ende des Radio-Regional-Konzepts, das eines journalistisch aufbereiteten Hörfunkprogramms für die Region. Der Sender in Bad Mergentheim fußt auf einem völlig anderen Konzept, das nicht derart in die Informationsbreite geht wie wir es in Heilbronn zu tun pflegen.

Die Informationsstruktur, die von der alten Radio-Regional-Mannschaft in acht Jahren erarbeitet und im tagtäglichen Sendebetrieb umgesetzt wurde, die wäre im Studio Bad Mergentheim kaum mehr vorhanden. Dort fehlen nicht nur die Voraussetzungen wie sie in Heilbronn gegeben sind, auch die schnelle Arbeit in der Region -  dank Autobahnanbindung, schnelle Wege zu den wichtigsten Institutionen der Region, etc. - wäre erschwert. Auch wenn die Heilbronner Mannschaft nur für eine Übergangszeit nach Bad Mergentheim wechseln müßte, wäre die Aufbauarbeit von Heilbronn nicht einfach mitzunehmen. Ein Beispiel: im Hause Heilbronner Stimme benutzen wir Rundfunkredakteure in der Vorbereitung unserer Themen das Zeitungsarchiv mit. In Bad Mergentheim gibt es derartiges nicht.

Ich nehme an, daß es niemandem gleichgültig sein kann, wenn der einzige nach der Novellierung des Landesmediengesetzes in Heilbronn noch verbliebene private Hörfunksender eleminiert würde. Von Bad Mergentheim das Unterland, Hohenlohe und den Raum Ludwigsburg rundfunk-journalistisch zu versorgen, das dürfte nur mit einer großen Kraftanstrengung möglich sein. Ich nehme aber nicht an, daß in die vorhandene Bad Mergentheimer Struktur demnächst großartig investiert werden wird. Und somit könnte die Privat-Rundfunk-Versorgung im Unterland qualitativ sehr leiden.

Jeder, der in unserer Region als Journalist arbeitet, weiß um die langen Wege zwischen Wertheim und Ludwigsburg, zwischen Crailsheim und Eppingen. Deshalb besaßen wir bei Radio Regional ja auch unsere Zulieferer-Studios in Tauberbischofsheim und Schwäbisch Hall. Das Studio in Ludwigsburg war geplant, aber die Novellierung des LMG verhinderte dessen Einrichtung. Die schnelle Reaktion auf das Geschehen vor Ort und in aller Welt ist die Grundlage journalistischen Arbeitens im Radio. Dank der in acht Jahren erarbeiteten und gepflegten Kontakte, dpa-Volldienst, dpa-audio-Dienst (Beitragszulieferer aus Deutschland und aller Welt), dpa-Landesdienst Südwest bieten wir aus dem Studio Heilbronn immer noch ein Programm, das den Hörer jederzeit über das Geschehen in der Region und darüber hinaus informiert.

Momentan arbeiten wir hier in Heilbronn unter der neuen Leitung mit Engpässen im Personalbereich. Wenn wir die von uns selbst ausgebildeten freien Mitarbeiter nicht hätten, wäre unser Standard nicht mehr zu halten. Wir versuchen jedoch, unseren journalistischen Anspruch tagtäglich so gut es geht zu erfüllen, der uns bisher ja durch das Haus Heilbronner Stimme sogar vorgeschrieben war. Wir wollen eben keinen Dudelfunk machen, sondern ein Informations- und Unterhaltungsprogramm aus der Region für die Region erarbeiten und präsentieren. Daß wir mit diesem Anspruch bisher richtig lagen, zeigen nicht nur die Hörerumfragen der vergangenen Jahre, sondern belegt auch die Tatsache, daß Radio Regional mit seinen beiden Sendern Geld verdient hat.

Ob wir in Zukunft für die Region Franken mit diesem Anspruch weiterarbeiten können, das hängt nicht nur von den Entscheidungen der Gesellschafter ab, sondern auch von der Unterstützung durch die Politik, durch Verbände, Vereine und der werbetreibenden Wirtschaft. Die Reaktionen bisher - aus Politik und Werbekundschaft - haben gezeigt, daß Heilbronn als Senderstandort offensichtlich unverzichtbar ist.

Viele Außenstehende fragen uns derzeit oft, wie wir als Mitarbeiter bei all dem Trouble kontinuierlich und ohne allzugroße Qualitätsabstriche weiterarbeiten können. Zumal die „Bestandsgarantie“ unserer Verträge mit Radio Regional Heilbronn von der neuen Gesellschaft Radio TON-Regional lediglich „analog § 613a BGB“ bis zum 30.09.1995 zugesichert ist. Die Antwort: wir wollen wie bisher Radio für die Region machen - so gut wir können und so gut wie es uns ermöglicht wird. Man muß uns nur in aller journalistischen Unruhe arbeiten lassen.
Ich hoffe immer noch, man wird uns lassen.

Ein Abschied von Hans Georg Grimm als Hörfunkleiter, das ist auch der Abschied von Radio Regional Heilbronn. Mit einer Träne im Knopfloch sage ich:
DANKE.

Heilbronn am  24. April 1995

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