Für
"rim" zum Abschied
Von Jürgen Dieter Ueckert
Wenn mich an die Tage erinnere, an denen ich
begann, bewußter Tageszeitungen zu lesen, dann kommt mir immer die Hohenloher
Zeitung in Künzelsau in den Sinn. Damals aber achtete ich nicht auf die Namen
der Redakteure, sondern nur auf das, was „die Zeitung“ geschrieben hatte.
Als ich dann
wieder aus der Hohenloher Diaspora nach Heilbronn zurückgekehrt war, da gehörte
die Heilbronner Stimme für den Jungpolitiker Ueckert zur Pflichtlektüre. Und
hier stach mir der Name Hans Georg Grimm erstmals ins Auge.
Ich kann mich
auch noch an eine Begebenheit aus dieser Zeit in einer Heilbronner Kneipe in
der Hafenmarkt-Passage erinnern, in der bei einer Kurzdiskussion der
Jungpolitiker von der SPD von Hans Georg Grimm kurz und knapp zusammengebügelt
wurde. Gewohnt war ich bisher in Diskussionen lange, ausgetappte
Argumentationen. Der Schlag saß. Ich weiß nicht mehr, um was es dabei ging. Ich
weiß nur noch, daß ich lange darüber nachgedacht hatte. Ein Vorzeichen für die
spätere Zusammenarbeit bei Radio Regional Heilbronn.
Und dann im
Jahre 1987 - so im Januar/Februar muß es gewesen sein - die ersten Kontakte zum
Hause Heilbronner Stimme. Ein Privatradio sollte aufgebaut werden. Das reizte
mich schon. Aber das Angebot des Südfunks lag auch auf dem Tisch. Weg vom
Neckar-Express, das war beschlossene Sache. Aber wohin?
Nach langen, schlaflosen
Nächten überwog der Drang zum Neuen, das in einem seriösen Zeitungshaus
entstehen sollte. Würde ich diese Entscheidung heute nochmals so fällen? Das
frage ich mich jetzt oftmals. Nein - lautet dann meine schlichte Antwort. Aber,
wenn man vom Rathaus kommt, dann ist man bekanntlich immer schlauer. Vielleicht
hat all das Gezerre der letzten Jahre doch sein Gutes. Wer weiß?
Was soll ich
noch über die Zeit seit dem 1. Juli 1987 sagen? Es hat alles, der Aufbau, der
Umbau, der tägliche Krieg um die besten Sendeformen bei Radio Regional viel
Nerven gekostet - vor allem aber acht Jahre Leben. Und der Lohn? Es gab viel zu
lernen.
Und heute? Da
steuert all das Radio-Geschehen auf den 30. September 1995 zu. Niemand weiß,
was danach kommen wird. Deshalb jetzt mein Rückblick auf die Geschehnisse der
letzten Wochen, auf den Kampf um ein bißchen Überleben.
Die Erklärungen
der Gewerkschaften „Deutscher Journalistenverband Baden Württemberg“ vom
07.02.1995 und „Industriegewerkschaft Medien - Landesbezirksvorstand Baden
Württemberg“ vom 07.02.1995 zur bevorstehenden Schließung des Sendestudios
Heilbronn von Radio TON-Regional im Hause Heilbronner Stimme haben endlich eine
gewisse Öffentlichkeit in dieses auch für uns Mitarbeiter teilweise
undurchsichtige Spiel gebracht.
Nachdem sich
jetzt die verschiedenen Parteien im Unterland, der Heilbronner
Oberbürgermeister sowie einige Landtagsabgeordnete auch in der Öffentlichkeit
für den Sendestandort Heilbronn stark gemacht haben, hegen wir Mitarbeiter im
Radio TON-Regional-Studio Heilbronn die Hoffnung, daß sich im März 1995 doch
noch alles ein wenig positiver für uns und für den Sendestandort Heilbronn
darstellt als momentan.
Aus den
Erklärungen von Frank Distelbarth als Mitgesellschafter bei Radio TON-Regional
und Eigentümer der Heilbronner Studios und von Christian Frietsch, dem Radio
TON-Regional-Generalbevollmächtigten, geht hervor, daß eine endgültige
Entscheidung über den Sendestandort für das Basisprogramm von Radio
TON-Regional am 3. März 1995 (bzw. am
15. März) auf einer Gesellschafterversammlung fallen soll.
Wir als
Mitarbeiter haben auch davon gehört, daß die Heilbronner Stimme ihre
Sendestudio-Räumlichkeiten im Stimme-Hochhaus in Heilbronn zum 31.03.1995
gekündigt haben soll. In einem Brief des Herrn Frietsch vom 10.02.1995 an den DJV in Stuttgart wird diese Kündigung
bestätigt. Allerdings gelte, so wurde mir aus dem Hause Heilbronner Stimme
bekannt, diese Kündigung nur für den Fall, daß der Sendestandort Heilbronn mittels
Gesellschafterbeschluß aufgegeben werde. Verständlich dürfte ja auch sein, daß
bei der vorhandenen technischen Ausstattung der Studios im Heilbronner
Stimme-Hochhaus ein neuer Mietvertrag ausgehandelt werden muß - und das
benötigt bekanntlich seine Zeit.
Die Stadt
Heilbronn als Sendestandort des Fensters „Frankenradio“ im
öffentlich-rechtlichen Rundfunkprogramm Südfunk 4 und derzeit noch eines
Privat-Hörfunkprogramms würde durch den Wegfall des Radio
TON-Regional-Sendestudios in der Medienlandschaft Baden Württembergs erheblich
geschwächt. Die Berichterstattung des Südfunks aus seinem Heilbronner
Regionalstudio ist in den vergangenen Jahren durch die bekannten Sparmaßnahmen
im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eingeschränkt worden. Wenn jetzt noch das
Studio des einzigen in Heilbronn ansässigen Privat-Hörunksenders wegfiele, dann
wird das Zentrum der Region Franken langsam aber sicher im Hörfunkbereich
ausgetrocknet und erleidet einen schweren Standortnachteil gegenüber anderen
vergleichbaren Städten in Baden Württemberg.
Heilbronn war
bestimmt noch nie auf Baden Württemberg bezogen ein herausgehobener
Medienstandort. Aber Radio Regional Heilbronn mit seinen Frequenzen in
Heilbronn (25 KW - 103,2 MHz) und Langenburg (50 KW - 100,1MHz) hatte es
immerhin geschafft, mit seinem Vollprogramm seit November 1987 als einziges
Medium in der Region eine publizistische Klammer für den Raum Heilbronn /
Künzelsau / Schwäbisch Hall / Crailsheim / Wertheim / Tauberbischofsheim / Bad
Mergentheim / Eppingen / Ludwigsburg zu bieten. Keine Tageszeitung in der
Region konnte bisher diese Aufgabe bewältigen.
Das neue
Landesmediengesetz hat nun den gut funktionierenden, beim Hörer erfolgreichen
und Geld verdienenden Privatsender Radio Regional beseitigt. Heute bietet das
Heilbronner Studio von Radio TON-Regional mit seinen Sendern in Heilbronn,
Künzelsau, Schwäbisch Hall und Crailsheim ein Programm, das aus dem
Radio-Regional-Konzept hervorgegangen ist - und das bei den Hörern nach wie vor
gut ankommt. Das Studio in Bad Mergentheim bietet mit seinem Radio
TON-Gold-Konzept ein Programm für den Raum Bad Mergentheim, Tauberbischofsheim
und Wertheim. Die laufende Hörerumfrage wird zeigen, welches Konzept von den
Hörern bevorzugt wird. Es ist daher höchst widersinnig, zum jetzigen Zeitpunkt
einen der beiden Sender, vor allem den erfolgreichen, aufzugeben.
Würde der Sender
Heilbronn mit seinem Basisprogramm, das Informationen aus der Region, Baden
Württemberg, Deutschland und aller Welt zu jeder Tagesstunde journalistisch
aufbereitet bietet, jetzt nach Bad Mergentheim verlegt werden, um in den dort
vorhandenen Sendebetrieb integriert zu werden, dann wäre das auch das Ende des
Radio-Regional-Konzepts, das eines journalistisch aufbereiteten
Hörfunkprogramms für die Region. Der Sender in Bad Mergentheim fußt auf einem
völlig anderen Konzept, das nicht derart in die Informationsbreite geht wie wir
es in Heilbronn zu tun pflegen.
Die
Informationsstruktur, die von der alten Radio-Regional-Mannschaft in acht
Jahren erarbeitet und im tagtäglichen Sendebetrieb umgesetzt wurde, die wäre im
Studio Bad Mergentheim kaum mehr vorhanden. Dort fehlen nicht nur die
Voraussetzungen wie sie in Heilbronn gegeben sind, auch die schnelle Arbeit in
der Region - dank Autobahnanbindung, schnelle
Wege zu den wichtigsten Institutionen der Region, etc. - wäre erschwert. Auch
wenn die Heilbronner Mannschaft nur für eine Übergangszeit nach Bad Mergentheim
wechseln müßte, wäre die Aufbauarbeit von Heilbronn nicht einfach mitzunehmen.
Ein Beispiel: im Hause Heilbronner Stimme benutzen wir Rundfunkredakteure in
der Vorbereitung unserer Themen das Zeitungsarchiv mit. In Bad Mergentheim gibt
es derartiges nicht.
Ich nehme an,
daß es niemandem gleichgültig sein kann, wenn der einzige nach der Novellierung
des Landesmediengesetzes in Heilbronn noch verbliebene private Hörfunksender
eleminiert würde. Von Bad Mergentheim das Unterland, Hohenlohe und den Raum
Ludwigsburg rundfunk-journalistisch zu versorgen, das dürfte nur mit einer
großen Kraftanstrengung möglich sein. Ich nehme aber nicht an, daß in die
vorhandene Bad Mergentheimer Struktur demnächst großartig investiert werden
wird. Und somit könnte die Privat-Rundfunk-Versorgung im Unterland qualitativ
sehr leiden.
Jeder, der in
unserer Region als Journalist arbeitet, weiß um die langen Wege zwischen
Wertheim und Ludwigsburg, zwischen Crailsheim und Eppingen. Deshalb besaßen wir
bei Radio Regional ja auch unsere Zulieferer-Studios in Tauberbischofsheim und
Schwäbisch Hall. Das Studio in Ludwigsburg war geplant, aber die Novellierung
des LMG verhinderte dessen Einrichtung. Die schnelle Reaktion auf das Geschehen
vor Ort und in aller Welt ist die Grundlage journalistischen Arbeitens im
Radio. Dank der in acht Jahren erarbeiteten und gepflegten Kontakte,
dpa-Volldienst, dpa-audio-Dienst (Beitragszulieferer aus Deutschland und aller
Welt), dpa-Landesdienst Südwest bieten wir aus dem Studio Heilbronn immer noch
ein Programm, das den Hörer jederzeit über das Geschehen in der Region und
darüber hinaus informiert.
Momentan
arbeiten wir hier in Heilbronn unter der neuen Leitung mit Engpässen im
Personalbereich. Wenn wir die von uns selbst ausgebildeten freien Mitarbeiter
nicht hätten, wäre unser Standard nicht mehr zu halten. Wir versuchen jedoch,
unseren journalistischen Anspruch tagtäglich so gut es geht zu erfüllen, der
uns bisher ja durch das Haus Heilbronner Stimme sogar vorgeschrieben war. Wir
wollen eben keinen Dudelfunk machen, sondern ein Informations- und
Unterhaltungsprogramm aus der Region für die Region erarbeiten und
präsentieren. Daß wir mit diesem Anspruch bisher richtig lagen, zeigen nicht
nur die Hörerumfragen der vergangenen Jahre, sondern belegt auch die Tatsache,
daß Radio Regional mit seinen beiden Sendern Geld verdient hat.
Ob wir in
Zukunft für die Region Franken mit diesem Anspruch weiterarbeiten können, das
hängt nicht nur von den Entscheidungen der Gesellschafter ab, sondern auch von
der Unterstützung durch die Politik, durch Verbände, Vereine und der
werbetreibenden Wirtschaft. Die Reaktionen bisher - aus Politik und Werbekundschaft
- haben gezeigt, daß Heilbronn als Senderstandort offensichtlich unverzichtbar
ist.
Viele
Außenstehende fragen uns derzeit oft, wie wir als Mitarbeiter bei all dem
Trouble kontinuierlich und ohne allzugroße Qualitätsabstriche weiterarbeiten
können. Zumal die „Bestandsgarantie“ unserer Verträge mit Radio Regional
Heilbronn von der neuen Gesellschaft Radio TON-Regional lediglich „analog §
613a BGB“ bis zum 30.09.1995 zugesichert ist. Die Antwort: wir wollen wie
bisher Radio für die Region machen - so gut wir können und so gut wie es uns
ermöglicht wird. Man muß uns nur in aller journalistischen Unruhe arbeiten
lassen.
Ich hoffe immer
noch, man wird uns lassen.
Ein Abschied von
Hans Georg Grimm als Hörfunkleiter, das ist auch der Abschied von Radio Regional
Heilbronn. Mit einer Träne im Knopfloch sage ich:
DANKE.
Heilbronn am
24. April 1995
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