Montag, 30. Oktober 2017

Stefan Raiffai - 50. Geburtstag



Für Stefan Raffai
Zum 50. Geburtstag
Rede von Jürgen Dieter Ueckert
Heilbronn am 23. Februar 1997

"Stefan ist ein begabter Junge"

Lieber Stefan, liebe Brigitte,

vielen Dank für die großzügige Einladung hier aufs Schiff- aber das ist ja auch angemessen, wenn man ein halbes Jahrhundert feiert - und dazu noch als Fisch. Zur Ehre gereicht es nicht, 50 zu werden, aber es ist schon eine enorme Leistung - bei all den Versuchungen und schönen Widrigkeiten, die uns so im Leben begegnen. Ich trete ja nächstes Jahr in diesen Club der Junggreise ein.

Wir feiern heute ein halbes Jahrhundert Stefan Raffai - des Fische-Mannes auf dem Schiff. Horoskope sind ja eine neckische Freude für uns alle, ein Gesellschaftsspiel - und für einige Zeitgenossen ein lukratives dazu. Unter keinem Sternzeichen, so las ich über Stefan, findet man so sanftmütige und friedfertige Menschen wie unter dem der Fische, liebe Brigitte - bitte bestätigen. Sie sind freundlich, rücksichtsvoll, besitzen einen gesunden Humor, passen sich bereitwillig auch unangenehmen Erfordernissen an und machen sich aufgrund dieser Eigenschaften kaum Feinde.

Der sanftmütige Fische-Mensch Stefan Raffai erweist sich bei näherem Hinsehen als einer, der sich dadurch als effektiv beweist, daß er überall „durchschwimmt“, nirgends aneckt, sich anpaßt oder sich klug  seinen Freiraum schafft, wo ihm keiner etwas anhaben kann - nachzulesen in einem Unterländer Anzeigenblatt. Fische gelten darüber hinaus auch noch als unheilbare Romantiker. Schon bemerkt, Brigitte? Sie haben zwar ihre Methoden, das zu verbergen, aber sie werden es ewig bleiben. Dabei geht es nicht nur um Liebesangelegenheiten, sondern um alles im Leben. Sie leben sehr in ihrer Phantasie, und in dieser Phantasie ist alles wie im Film, in dem ständig die Szenen wechseln. Und dabei ist der Stefan gar kein großer Kinogänger.
Übrigens: Die Fische sollen sich schnell langweilen, schneller als jedes andere Sternzeichen. Die sich ständig wechselnde Landschaft des Meeresgrundes läßt sich halt nicht so gut durch die unveränderlichen Banalitäten des Lebens auf dem trockenen Land ersetzen.

Und was erwartet den Fische-Mann Stefan in der kommenden Woche? Endlich hast Du beruflich wieder festen Boden unter den Füßen und wirst von den Kollegen akzeptiert - sagt das Horoskop. Mit Leistung kannst Du die letzten Zweifel an Deiner Qualifikation ausräumen. Wenn Du dich allerdings jetzt unterfordert fühlst, dann suche nach einer neuen Aufgabe. Das würde wohlwollend zur Kenntnis genommen und erleichtert die Verhandlungen über eine finanzielle Verbesserung. Privat, so sagt das berühmte BamS-Horoskop heute, wirst Du Dich einschränken müssen. Die Liebe steht zur Zeit an zweiter Stelle.

Dazu kann ich nur sagen - hört-hört oder lest - auch die Sterne können lügen - oder die Wahrheit sprechen. Das mußt Du ganz allein entscheiden, was stimmt. Aber die Wahrheit ist - eine ganz andere Wahrheit ist, um es mit Kurt Tucholsky zu sagen: Wärst Du vor fünfzig Jahren zwei oder drei Löcher weiter rausgekrochen, dann wärst Du heute vielleicht Verleger, Chefredakteur, Milliardär oder ungarischer Botschafter in Deutschland - wer weiß. Aber zum Glück für uns alle, die wir hier versammelt sind und Essen fassen wollen, konntest Du es ja Dir nicht aussuchen - in Sikeria in Ungarn das Licht der Welt zu erblicken, die ungarische Dorflandschaft mit Deinen Geschrei so zu nerven, daß Deine arme Mutter oft die Nachbarin bitten mußte, Dich zu beruhigen, damit sie wenigsten ein paar Stunden am Tage ihre Ruhe vor Dir hatte.

Wenn nicht 1956 der Ungarnaufstand gekommen wäre, vielleicht wärst Du heute ein grandioser Ostmafiosi, würdest ein Porno-Imperium in Budapest beherrschen oder als Großgrundbesitzer durch die Welt reisen. Nicht mit der Lebensgefährtin Brigitte, sondern mit irgendeiner feschen Julischka.

Aber so es kam, wie es kommen mußte - und Deine Grundschullehrerin so treffend beschrieb: „Stefan ist ein begabter Junge, der stets bestrebt ist, seine Leistungen zu steigern.“ Das hast Du nun 50 Jahre lang bewiesen. Als es Dich von Ungarn nach Bad Rappenau verschlagen hatte, war mal gerade von Dir in deutscher Sprache „Guten Tag“ zu vernehmen. Nach eineinhalb Jahren Internat schon bist Du Deinen deutschen Mitschülern in der ihrer eigenen Sprache in den Leistungen überlegen.

Und von da ab ging es für Dich auch in deutschen Landen bergauf. Schriftsetzerlehrling bei der Heilbronner Stimme, Gesellenprüfung mit Note 2,2. Wechsel zu einem kleinen badischen Zeitungsverlag, erste journalistische Sporen dort verdient. Bei der Bundeswehr dann der Höhenflug  – weil Luftwaffe. Landung bei der Pressestelle und in der Redaktion „Fliegerkurier“. Hofschreiber und Kofferträger eines Drei-Sterne-Generals.

Weiterer Höhepunkt: Landung mit einem Hubschrauber in einem pfälzischen Vorgarten - in Uniform. Anlaß: der 50. Geburtstag von Fritz Walter, der gerade mit Sepp Herberger auf seiner Terrasse saß - und auf den Flieger mit Stefan Raffai wartete. Bisher hab ich noch keine Motorengeräusch gehört - aber es kann noch so ein Flieger beim Insel landen. Wer weiß, wer dem dann entsteigen wird?

Dann der journalistische Abstecher zu den Badischen Neuesten Nachrichten. Bekanntlich ein guter Stall. Auch HSt-Chefredakteur Dr. Wolfgang Bok hatte sich dort getummelt. Nach Heilbronn ins Mutterhaus Stimme zurück im Jahre 1971. Erste Landung: Landkreisredaktion. Ekkehard Würstle war Chef und Lehrmeister, jener Mann mit der eleganten und geschliffenen Rede. Otto Lesinger, Uwe Mundt – Kollegen der ersten Stunde. Später wurdest Du ja dann selbst Chef dieses überaus wichtigen und großen Stimme-Ressorts.

1985 erlebte ich Dich dann am Beginn einer Fernsehkarriere: als Moderator auf der Landesgartenschau in Heilbronn – Studio Wertweisen. Dort, wo ich im Südfunk-Studio weniger Meter weiter mühsam ein paar Märker mit Kultur- und anderer Berichterstattung mir als Freier hinzuverdiente. Später konnte ich das Abflammen dieses Projekts in X-Aktenordnern im Stimme-Haus nachlesen. Naja - Scheitern ist wohl zuviel gesagt - es war ja ein Versüchle, ein Test – mit einem großen Engagement der Mitarbeiter über Wochen hinweg.

Ab Februar 1987 dann beim ersten Privat-Hörfunksender - der Wechsel vom sicheren Sessel in der Zeitung ins publizistische Niemandsland. Mit Hans Georg Grimm warst Du der Pionier in diesem Minenfeld, wo die öffentlich-rechtlichen Dinosauriers Feuer spien. Mit einem für manche heute kaum noch vorstellbaren Engagement wurde das neue Radio nach einem halben Jahr Probebetrieb auf Sendung gehievt – und war zum Erstaunen vieler sofort irrsinnig erfolgreich. Das war eine Leistung, für die HSt-Verleger Frank Distelbarth Dir eigentlich heute noch die Füße küssen müßte. Aber da er ja nicht der Papst ist, sondern evangelisch, wird es wohl nie dazu kommen.

Den leidvollen Niedergang von „Radio Regional Heilbronn“ möchte ich hier nur am Rande erwähnen. Da kommen ansonsten zu viele Schmerzen auf. Auch bei mir. Von unserer journalistischen Aufbauarbeit von 1987 bis 1995 ist kaum mehr etwas vorhanden. Jetzt ist das Radio so, wie es Hans Georg Grimm nie wollte. Ich verkneife mir seine Bezeichnung dafür. Wir haben ja schließlich einen festlichen Rahmen heute. Und wollen froh und glücklich feiern.
Dein Wechsel im Oktober 1995 zurück zur Stimme – ich meine, er war auch eine gewisse Erlösung. Und wenn Du Dir vor Augen führst, wie viele Radio-Regional- oder Radio-Ton-Geschäftsführer dort in den letzten Jahren die Klinke in die Hand genommen haben, dann war dieser Schritt  auch richtig. Als Mann fürs Grobe bezeichnest Du Dich jetzt gelegentlich. Ich sage: Der Redakteur für Sonderveröffentlichungen Stefan Raffai kann mehr für die Bindung der Leser ans Blatt tun, als es so mancher Kommentar auf der ersten Seite vermag. Ich als Redakteur eines Anzeigenblatts kann Lieder davon singen.

Kollege Uwe Jacobi bezeichnete Dich  in seinem Einspalter am Freitag als „Mister Tausendsassa der Medienwelt“ im Unterland. Ein kleiner Figaro, mal hier - mal dort. Stimmt schon, wenn er den Wechsel vom fünften Stockwerk im Stimme-Haus in andere meint - und umgekehrt. Aber ich habe Dich – und ich saß Dir ja einige Jahre vis-à-vis am Schreibtisch gegenüber - ich habe Dich dabei als einen Kollegen kennen gelernt, auf den man sich hundertprozentig verlassen, mit dem man Probleme schnell und effektiv aus der Welt räumen kann. Dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken.

Schade, daß sich unsere Wege getrennt haben. Ich hätte noch gern lange Jahre mit Dir Radio gemacht. Wir wollten, aber durften nicht. Aber als Kiliansmännle und fast eigener Herr im Hause, ist’s auch nicht schlecht. Und Anregungen erhalte ich von Dir ja sehr schnell – dank Telefon und Fax.

Was wäre wenn ... ist eine müßige Frage. Gerade heute. Was wird? Das ist die Frage der Zukunft. Ich wünsche Dir für die nächsten 50 Jahre viel Glück, Zufriedenheit, Sprünge nach vorn im Beruf, viele schöne Reisen mit Brigitte – und ich wünsche Dir, um es militärisch auszudrücken: „Auf daß der Wind in Deinem Rücken nie Dein eigener sei.“ (Billy Wilder „Extrablatt“; der Film über Journalisten – englisch: „Front Page“).

Herzlichen Glückwunsch.

Heilbronn, 23. Februar 1997

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