Montag, 30. Oktober 2017

Vortrag Medien Heilbronn

Vortrag im Kaffeehaus Hagen, Heilbronn, Christophstraße 13, 05. Juni 1997
Printmedien und elektronische Medien 
seit 1945 in Heilbronn
Rückblick und Ausblick 
Was war – was ist – was wird?

Von Jürgen Dieter Ueckert 

Meine Damen und Herren,

wer jammert, hat mehr vom Leben. Das ist eine Binsenweisheit. Aber amerikanische Ärzte haben das wissenschaftlich jetzt untermauert. Und darüber gab es dann selbstverständlich eine Pressemeldung, die auch mir neulich auf den Tisch flatterte. Just in der Vorbereitung dieses Vortrags. Und da stand dann nicht nur zu lesen, daß jene Menschen, die jammern mehr vom Leben haben – sondern daß sie auch länger leben.

Insofern hat die SPD als Oppositionspartei gute Chancen, noch lange Zeit im politischen Geschäft mitzumischen. Es sah ja zeitweise so aus, daß unser Jahrhundert, das viele das sozialdemokratische Jahrhundert nennen, in ein konservatives, stark religiös geprägtes Jahrhundert münden würde. Aber im Moment hat die Linke Aufwind in Europa – und die SPD in Deutschland scheint sich auch wieder aufzurappeln. Trotz der vorübergehenden Verwirrung in Baden-Württemberg.

Vor mehr als zwanzig Jahren sprach ich zuletzt vor einem so erlauchten Kreis von Genossinnen, Genossen und Freunden der SPD. Während meiner fast zehn Jahre Radiozeit beim Privathörfunk wurde ich auch gelegentlich von SPD-Gruppierungen zu Vorträgen über die neuen Medien in der Region eingeladen. Aber das war dann mehr in Kornwestheim, in Murr an der Murr – also im Ludwigsburger Raum oder in Hohenlohe. Die Heilbronner hatten da ihre Vorbehalte. Und das hat ja auch seine Geschichte. Meine Aktivität in dieser Partei begann Ende der sechziger Jahre – da war Aufbruchs­stimmung angesagt. Und sie endete Mitte der siebziger Jahre – kurz vor dem Abschwung. Jetzt darf ich zu Ihnen reden. Und wer weiß – vielleicht ist das ein Zeichen von glücklicher SPD-Zukunft.

Wer jammert, der hat mehr vom Leben. Und wenn er politisch jammert, hofft er damit auch in der Presse zu erscheinen. Das ist ja oftmals die Vorstellung von Otto Normalverbraucher und Lieschen Müller über die Medien, wenn positiv über die Zeitungen gedacht wird. Man kann in hoher Auflage auf viele Ungerechtigkeiten aufmerksam machen, etwas verändern, die Welt durch Anprangern von Mißständen zu bessern versuchen. Und wenn es nur zum eigenen Vorteil gereicht – wie bei manchen Politikern. Sicherlich ein Trugschluß. Aber ein schöner, ein idealistischer – dem gedruckten Wort und seiner Wirkung vertrauender Trugschluß.

Oder der Informant benutzt die Presse als Boulevard, auf dem er geputzt und geschmückt einherschreitet. Vor allem, wenn der eigene Name, die eigene Firma in irgendeinem Blatt erwähnt wird – und das mit vielen positiven Vorzeichen. Welche Anstrengungen werden heute nicht unternommen, um in die Zeitung, den Rundfunk oder das Fernsehen zu kommen. Bei großen mittelständischen Unternehmen, aber erst recht bei Konzernen beschäftigen sich ganze Abteilungen – möglichst beim Vorstandsvorsitzenden angesiedelt – mit der Herausgabe glänzender, reich bebilderter Broschüren und Mappen voller Pressetexte, die oft mehr Büchern ähneln – allein, um das Image des Hauses aufzupolieren.

Aber es nützt nicht immer. Das Produkt und der gute Name lassen sich damit eventuell aufpolieren – nicht aber im positiven Sinne gestalten. Was hat die SPD nicht alles schon an sinnreichen und sinnlosen Medienkampagnen gefahren, mit denen Agenturen heute noch als ästhetisches Muster aufwarten. Es hat nicht viel genutzt. PR ersetzt eben keine Tatsachen.

Die sogenannten Skandale, die tatsäch­lichen und die vermeintlichen – das sind jene Momente im täglichen Leben, in denen sich zeigt, wie gut oder schlecht in den Firmen oder Parteien eine Presse­abteilung funktioniert. Und bei diesem Hochamt des Journalismus zeigt sich dann auch, wie gut oder schlecht eine Redaktion arbeitet.

Bei solchen Gelegenheiten muß dann der Anspruch der Zeitungshäuser eingelöst werden, das Wächteramt in der Demokratie kritisch, selbstbewußt und verantwortungsvoll wahrzunehmen. Keine vierte Gewalt im Staat. Aber die Berichterstattung als ein reinigendes Gewitter.

Soweit der Ausflug in die höheren Sphären – zurück in die Niederungen provinzieller Medienlandschaft.


Die Anfänge

Wenn ich an meine Anfänge in diesem Beruf zurückdenke, das war so über­schlagen vor rund 25 Jahren, war die Medienlandschaft damals noch festgefügt, geordnet und übersichtlich.

In Heilbronn gab es eine Tageszeitung, Anzeigenblätter steckten noch in den Kinderschuhen, der Rundfunk war ausschließlich öffentlich-rechtlich – und sendete drei Programme: ein traditionelles für Service, Politik und Unterhaltung – das erste Programm, ein zweites Hörfunkprogramm für Intellektuelle und ein gerade frisch geschaffenes für die Jugend mit Pop und Rock. Dafür hatten die Verantwort­lichen sich auf vielen, teuren Dienstreisen in die Vereinigten Staaten ein wenig Anregung bei Privatsendern geholt. Das Fernsehen sendete drei Programme: das Erste, das Zweite und die vielen Dritten, je nach Landschaft. Bayern hatte ein drittes Programm für sich, Baden-Württemberg, das Saarland und Rheinland-Pfalz teilten sich eines. Und wenn Sie eine anständige Antenne hatten, dann konnten Sie diese drei Fernsehprogramme sogar störungsfrei empfangen – allerdings nicht überall bei uns in deutschen Landen – in der ehemaligen DDR gab es ganze Täler der Ahnungslosen.

Aber all das war einmal. Heute gibt es mehr als 30 Hörfunkprogramme in Heilbronn über Antenne zu empfangen, mehr als 30 Fernsehprogramme – je nachdem, ob sie verkabelt oder verschüsselt sind. Anzeigenblätter gibt es zwei bis drei größere und viele kleinere. Jedoch nur eine Tageszeitung. Das ist geblieben. Das hat Tradition – für mehr Tageszeitungen ist offensichtlich kein Platz im Wirtschaftsraum Heilbronn vorhanden. Sonst hätte es ja schon jemand probiert. Gewollt hatten viele, gekonnt hatte bisher noch keiner.

Und diese Tageszeitung ist ein Blatt mit Institutionscharakter – 1996 feierte die „Heilbronner Stimme“ schließlich ihren 50. Geburtstag. Verglichen mit der Heilbronner Pressegeschichte wahrlich eine lange Zeit. Denn erst vor gut 250 Jahren, genau 1744, ist in dieser Stadt erstmals eine Zeitung erwähnt worden. Sie hieß „Wöchentlich Heilbronnerisch Nachricht- und Kundschaftsblatt“.

Und wie fast alle Zeitungen damals hatte sie den Charakter eines Anzeigenblattes. Die Geschichte sagt, daß aus diesem Nachrichten- und Anzeigen-Blatt 1861 die „Neckar Zeitung“ entstanden ist. Die „Heilbronner Stimme“ heute – sie versteht sich als Nachfolgerin dieses traditionsreichen Unternehmens „Neckar-Zeitung“, einer Zeitung, deren bekanntester Chefredakteur der erste Bundespräsident Theodor Heuss war – und zwar von 1912 bis 1917.

Vor 60, 70 Jahren – so scheint es vielen Zeitzeugen und Wohlmeinenden im Rückblick – sei Heilbronn ein gutes Pflaster für Zeitungen gewesen. Eine Blüte für Publizisten habe es damals gegeben. Allerdings waren das in jener Zeit Zeitungen, die eine mehr politische Ausrichtung besaßen, nicht jenen Journalismus pflegten, der nach dem Krieg in Anlehnung an angelsächsische Traditionen auch bei uns entstanden ist.

Und so sah die Presselandschaft aus: Liberal, nach anfänglichem Linksdrall, war die „Neckar-Zeitung“, nationalistisch der „Heilbronner Generalanzeiger“ („mit starkem Willen zur Rettung Deutschlands“ und sozialdemokratisch das „Neckar Echo“, das zeitweise die auflagenstärkste Zeitung in der Stadt Heilbronn war. In der Zeit des National­sozialismus existierte dann weitestgehend nur noch eine Zeitung: das „Heilbronner Tagblatt“, das zeitweise als Schwestern­blatt die „Heilbronner Morgenpost“ herausbrachte.


Die Stunde Null

1945 – die Stunde Null unseres heutigen Staates, unserer zweiten deutschen Demokratie ist eingeläutet. Und wenige Monate später, schon am 28. März 1946 erscheint erstmals nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Zeitung in Heilbronn. In der amerikanischen Besatzungszone ist die „Heilbronner Stimme“ die 31., und in Württemberg ist sie nach der „Stuttgarter Zeitung“ und der „Schwäbischen Donau Zeitung“ die dritte Zeitung, die sich auf dem zerstörten Markt einrichten konnte. Lizenzen wurden von den Militärbehörden vergeben. Die US-Behörden entschieden sich für Paul H. Distelbarth (1879 bis 1963) und Hermann Schwerdtfeger (1903 bis 1988) als Lizenznehmer.

Paul H. Distelbarth, ein gebürtiger Reichsdeutscher aus Böhmen, entwickelt sich im Ersten Weltkrieg zum Pazifisten, übernimmt 1921 einen Hof bei Löwenstein, muß 1933 wegen Verhaftungsgefahr durch die Nazis fliehen und wird als Paris­korrespondent zum Frankreichexperten, der sich in Büchern und Artikeln für die Völkerverständigung einsetzt.

Hermann Schwerdtfeger, der andere Lizenznehmer, stammt aus Stuttgart, wird 1933 als Redakteur beim Haller Tagblatt aus politischen Gründen entlassen und bewirtschaftet danach ein landwirtschaft­liches Grundstück bei Abstatt.

28. März 1946: Bei einem Festakt im Schießhaus Heilbronn wird an die beiden Herausgeber von einem US-Offizier die Lizensierungsurkunde übergeben. Die Auflage der „Heilbronner Stimme“ damals: 38.000 Stück, das Blatt kostete 1946 ganze 20 Pfennige. Heilbronns Ober­bürgermeister Emil Beutinger schreibt in der ersten Ausgabe: „Die Zeitung soll der Aufklärung dienen, der Wahrheit über Vergangenes und der Zukunft.“ Und die Herausgeber Distelbarth und Schwerdtfeger betonen in einem Leitartikel unter der Überschrift „Unsere Aufgabe“: „Das erste Gebot ist das einer unbestechlichen und unbeirrbaren Wahrheitsliebe.“

Eigentlich sollte diese neue Zeitung den Namen „Heilbronner Zeitung“ tragen. Die ersten drei Probenummern tragen auch noch diesen Titel. Aber die US-Behörden wollten nur einen Namen zulassen, den es zuvor noch nicht gegeben hatte. So wurde sehr schnell der Name „Heilbronner Stimme“ geboren. In Großgartach (Leingarten) wird gedruckt. Und zwar in der 60 Quadratmeter großen Scheune, ein Hintergebäude des Landgasthofs „Zum Löwen“. Zwei Setzmaschinen und eine klapprige Rotation gehören zum Beginn der Technikgeschichte dieses Zeitungs­hauses. Verlag, Redaktion und kaufmännische Abteilung arbeiten im Keller  des Heilbronner Schießhauses.

Aber schon im November 1946 wird in neue Räume umgezogen – in die Hauptpost an der Allee, erstes Stockwerk. Und im Juli 1947 zieht die Technik der Stimme dorthin um, wo heute das Shoppinghochhaus steht, ins Haus der Vereinsdruckerei. Die Redaktion folgt 1948. Im Oktober 1950 ist der Standort schon die heutige Allee 2: Zunächst im Rückgebäude – und ab 1957 zieht die Redaktion in das neuerbaute Stimmehochhaus. Damals ein kleines Wunderwerk der neuen Zeit für Heilbronn.

Umbauten prägten das Areal an der Allee ja bis in die heutigen Tage. Seit August 1995 ist eine zweite Adresse hinzuge­kommen: Austraße 50. Dort wurden für den „Pressedruck“ 34 Millionen Mark in die Gebäude und 51 Millionen Mark in die technische Ausstattung investiert. Das neue Druckhaus, das insgesamt somit an die 90 Millionen Mark gekostet hat, stärkte die Medienmacht des Verlagshauses „Heilbronner Stimme“ entscheidend. Manche Kritiker behaupten, es sei zehn Jahre zu spät gebaut worden. Druckhäuser dieser modernen Beschaffenheit und Ausstattung gebe es viele in Deutschland – vor allem im süddeutschen Raum. Aber Kunden dafür, die gute Druckaufträge haben, gebe es weniger. Einziger Großkunde bis zum heutigen Tage ist meines Wissens das wöchentlich in einer Auflage von 157.000 Exemplaren im Unterland erscheinende Anzeigenblatt „Neckar Express“.

Die werktägliche Erscheinungsweise der „Heilbronner Stimme“ war übrigens von Beginn an nicht selbstverständlich: Von Mai bis Juli 1947 erscheint die Zeitung damals nur mit zwei Ausgaben pro Woche. Das Abonnement kostet 1,90 Mark. Seit ersten November 1948 gibt es sechs Ausgaben pro Woche. Der Abopreis: 2,70 Mark – die Auflage liegt bei 55.000 Exemplaren.

Sie werden sich jetzt fragen: „Und wie sieht es heute aus?“ Die Gesamtauflage der „Heilbronner Stimme“ betrug im zweiten Quartal 1995 an verkauften Exemplaren 102.527, davon in der Stadt Heilbronn 24.694. Die Hohenloher Zeitung besitzt eine Auflage von 21.594 – der Rest verteilt sich auf Nord-Mitte, Südwest, Weinsberger Tal, Südost, Nordost, Leingarten, Nordwest und Eppinger Zeitung.

Der Abopreis 1995: 32,80 Mark. Heute beträgt er 34,80 Mark einschließlich Zustellgebühr und sieben Prozent Mehrwertsteuer, bei Postbezug im Inland 40,80 Mark. Zum Vergleich: Die Stuttgarter Zeitung  kostet mit ihren sieben Ausgaben in der Woche pro Monat 35,50 Mark, bei Postzustellung 37,50 Mark. Die Stuttgarter Nachrichten liegen im Preis ebenso. Und die Frankfurter Allgemeine Zeitung kostet als Deutschland-Ausgabe 45 Mark, als Rhein-Main-Zeitung (also mit Lokalteil und Sonntagszeitung) 47,20 Mark, für Studenten, Wehrpflichtige und Zivil­dienstleistende – gegen Vorlage einer entsprechenden Bescheinigung – lediglich 29,80 Mark. Die Stuttgarter Zeitung mit sieben Ausgaben pro Woche ist also nur 70 Pfennige teurer als die Stimme mit ihren sechs Ausgaben.


Die Chefredakteure

Chefredakteure bestimmen heute entscheidend den Inhalt einer Zeitung, stellen Redakteure ein, die die Tendenz des Verlags mittragen. Chefredakteure sind also die Blattmacher, die das Erscheinungsbild der Zeitung prägen. Der erste Chefredakteur der „Heilbronner Stimme“ war der schon erwähnte Lizenznehmer Hermann Schwerdtfeger. Seit dem Jahre 1946 bestimmte er die politische Richtung der Zeitung. Vielleicht sind Ihnen – wie mir – noch die großen Artikel zu Weihnachten, zum Jahresende, zu Pfingsten und Ostern in Erinnerung, in denen Schwerdtfeger seine philosophischen Gedanken zur Jahreszeit in nahezu meterlangen Spalten den Lesern offerierte.

Heute wäre so etwas kaum mehr möglich – ich meine sogar: Es wäre absolut unmöglich und untragbar. Ob es damals die Leser interessiert hat, das wage ich zu bezweifeln – wenn Sie sich vor Augen führen, welche Zeitungen in der Nach­kriegszeit sich am freien Markt, also im Straßenverkauf, am Kiosk durchsetzten und grandiose Erfolge aufzuweisen hatten – teilweise bis in unsere Zeit.

Im Jahre 1971 – also erst nach 25 Jahren – kam der zweite Chefredakteur ans Ruder. Karl Hohmann, ein gebürtiger Berliner, der von der Boulevardpresse kam, dann ab 1947 die Hohenloher Zeitung für Öhringen gestaltet hatte, ist in Journalistenkreisen heuer noch gelegentlich im Gespräch. Denn er hatte es zu verantworten, daß – erstmals und einzigartig in der Nachkriegsgeschichte bis zum heutigen Tage im württembergischen Unterland – Artikelzeilen in der „Heilbronner Stimme“ eingeschwärzt wurden. Ein Auftritt von Franz-Josef Strauß in Heilbronn war der Anlaß – und da ging es um einige Äußerungen von F. J. S., deren Abdruck angeblich eine Klage­androhung durch Sozialdemokraten mit sich gebracht hätten. Sagte man damals. Ob es so stimmt, das weiß heute so recht kaum jemand. Nur die geschwärzten Zeilen bleiben – im Archiv anzuschauen.

Dritter Chefredakteur der Stimme wurde dann ab 1981 Werner Thunert. Dieser Mann war ein Gewächs der Landschaft. Er kannte Land und Leute in all ihren Auslotungen, Flachheiten, Tiefen und Höhen. Er hatte bei der Stimme volontiert, wurde 1958 Lokalchef, machte sich einen Namen durch seine Kolumne „Aus meinem Notizbuch“ – war volksnah und distanziert zugleich. Ein Publizist und Blattmacher, der gefürchtet war in dieser Stadt und weit darüber hinaus, weil er vieles beim Namen nannte, was ansonsten nur im Hinterzimmer bei angeblichen oder sogenannten Geheimgesprächen, mit vorgehaltener Hand geflüstert wurde.

Teilweise erklärten die vielen Gegner Werner Thunert zum mächtigsten Mann im Käthchenstädtchen, ja sogar zum eigentlichen Oberbürgermeister – zum Landvogt wie in Schillers „Wilhelm Tell“. Wer es sich mit ihm verscherzt, der sei abgemeldet – so wurde mir noch in den siebziger Jahren erzählt. Als er dann 1989 ganz überraschend starb, waren viele dieser obrigkeitsgläubigen Zeitgenossen verwundert, daß die Zeitung „Heilbronner Stimme“ weiterlebte, weiterhin diese Macht hatte – und das Machtzentrum Thunert offenbar nicht annähernd jene Ausmaße besaß, die ihm unterstellt und angedichtet worden waren.

Nachfolger von Werner Thunert als vierter im Bunde wurde der Neffe des jetzigen Herausgebers Frank Distelbarth. Dr. Werner Distelbarth, der erste promovierte Chefredakteur der „Heilbronner Stimme“, volontierte bei der Stimme, arbeitete dann bei der Südwestpresse in Ulm als Redakteur und später als Politikchef im Hause „Heilbronner Stimme“. Er war ein stiller Mann, der leise für seine mehr weicheren, humanen, ökologischen und die Welt verbessernden Ziele eintrat – und ganz überraschend am 7. Januar 1994 durch Selbstmord aus dem Leben schied. Ein langanhaltendes Tagesgespräch in dieser Stadt, mit vielen abstrusen, halbwahren und anderen sich um den Tod rankenden Geschichten – wie Sie sich erinnern werden. Die Nachwirkungen von Gerüchten und Tratsch sind teilweise bis heute noch zu spüren.

Im gleichen Jahr tritt am 1. September 1994  Dr. Wolfgang Bok die Nachfolge an – der erste Mann auf dem Chefredakteurs­stuhl, der nicht aus dem Hause kommt. Bok, 1957 geboren, war zu Beginn der achtziger Jahre kurze Zeit Mitglied der Politik­redaktion in der „Heilbronner Stimme“, danach in Karlsruhe bei den „Badischen Neuesten Nachrichten“ und später bei den „Stuttgarter Nachrichten“ als Politik­redakteur tätig. Viele medieninteressierte Menschen im Unterland nehmen gelegentlich an, vermuten gar, daß der Posten des Chefredakteurs einer Regionalzeitung nicht das Endziel dieses ehrgeizigen, noch recht jungen Mannes aus der Landes­hauptstadt Stuttgart sein dürfte. Schließlich kommt er ja aus einem Hause, das von der Ludwigshafener „Rheinpfalz“ entscheidend mitregiert wird.


Die Monopolversucher

Es gab in den ersten Nachkriegsjahren einige Versuche, das Monopol der Heilbronner Stimme zu brechen. Das „Neckar Echo“, 1933 verboten durch die Nazis, kommt erst 1949 zum zweiten Mal heraus. Aber da ist der Markt schon „verloffe“ – wie es im Schwäbischen heißt. Wer eine Vorlaufzeit von rund vier Jahren wie die Stimme besitzt, gegen den gibt es keine ernsthafte Konkurrenz mehr in dem wiedererwachenden Wirtschaftsraum Heilbronn. 1967 muß das „Neckar Echo“ wegen mangelnder Nachfrage sein Erscheinen einstellen. Parteiblätter haben als Tageszeitung in der jungen Bundesrepublik kaum eine Chance. Höchstens als Mitgliederzeitschrift, wie sich heute – auch bei der SPD mit dem „Vorwärts“ – zeigt.

Wer in unseren Tagen als Konkurrent zur Tageszeitung im Medienmarkt überleben will, kann entweder ebenfalls eine Tageszeitung aufmachen, was einem finanziellen Selbstmord gleichkäme, oder sucht sich eine Nische in der Zeitungs­landschaft. Anzeigenblatt heißt zu Beginn der siebziger Jahre das Zauberwort, auch in Heilbronn. 1972 wird das „Heilbronn Magazin“ gegründet, das ab 1973 „Unterland Magazin“ heißt. Eine Mischung aus Illustrierter und Werbeblatt, das der ehemalige Heilbronner-Stimme-Redakteur und Werbekaufmann Rudi Fritz zusammen mit dem Druckhaus Schwaben herausgibt. Die Richtung ist klar: Der SPD-Stadtrat Rudi Fritz und das zur Konzentration GmbH, also zur SPD gehörende Druckhaus Schwaben, suchen Anschluß an den neuen Printmedienmarkt, nachdem das „Neckar Echo“ so sang- und klanglos vom Markt verschwunden ist. 1976 wird auch dieser Versuch eingestellt.

Zweites Anzeigenblatt auf dem Markt ist der “Neckar Express“ – seit dem 13. September 1973. Bis 1979 erschien dieses Blatt alle zwei Wochen donnerstags, danach wöchentlich, zunächst donnerstags, heute mittwochs. Die Auflage steigerte sich von zunächst 85.000 im Jahre 1973, auf heute 157.000 Exemplare. Als der Verleger Dieter Krauss 1975 ins Blatt einstieg, da dachte er bestimmt nicht daran, daß er und seine Familie im Jahre 1998 das 25jährige Jubiläum des Neckar Express feiern sollen. Denn erst nach einigem Hin und Her hatte die Familie Krauss ab 1976 allein das Sagen im Anzeigenblatt „Neckar Express“ – und damit begann ein ungeahnter Aufstieg dieses Anzeigenblatts.

Schritt für Schritt – ganz leise und kontinuierlich. Heute, nach 24 Jahren Geschichte des „Neckar Express“ in Heilbronn und im Unterland, wird dieser Aufstieg und diese Leistung oft neidvoll als ein publizistisches Wagnis, ja sogar als Meisterstück bezeichnet. Vor allem, wenn man bedenkt, daß sich der „Neckar Express“ gegen die übermächtige Konkurrenz der Monopolzeitung solange erfolgreich behauptet hat. Denn in vielen anderen vergleichbaren Städten hat die Monopoltageszeitung das jeweils am Ort ansässige Anzeigenblatt schon längst geschluckt.

Viele fragen sich: Was macht nun den Erfolg des “Neckar Express“ aus? Zunächst einmal: Die „Stimme“ hat kein vergleichbares Produkt vorzuweisen. Und zweitens: Der Verlag Neckar Express hat es fast immer verstanden, einen angemessenen Anteil des Blattes für die Redaktion zur Verfügung zu stellen. Und diese Redaktion – so ist es seit dem 1. Juli 1995 festgelegt – muß einen möglichst eigenständigen, unverwechselbaren Charakter in ihrer Berichterstattung aufweisen. Sie muß sich von den anderen Medien im Erscheinungs­raum deutlich unterscheiden, darf der Tageszeitung und dem Rundfunk nicht in puncto Aktualität hinterherlaufen. Und sie muß immer wieder dem Vorurteil begeg­nen, der „Neckar-Esel“ – so hieß im Jahre 1889 die „Heilbronner Narrenzeitung“ und so wird das Blättle „Neckar Express“ heute oft im Volksmund genannt – sei halt „nur“ ein Anzeigenblatt.

Daß der „Neckar Express“ nicht nur ein „Anzeigenfriedhof“, ein billiges Anzeigenblatt sein soll, sondern eine ernstzunehmende Wochenzeitung, das war und ist das Ziel der Verlagsleitung und der Redaktion. Ob es erreicht wurde und wird, entscheiden allein die Leser und Kunden. 24 Jahre Verlagsgeschichte und die Vehemenz der Leserreaktionen auf die wöchentlichen Bemerkungen zum Beispiel des  „Kiliansmännles“, die ich täglich am eigenen Leib in der Redaktion zu verspüren bekomme, haben da schon einige positive Aussagekraft. Ich meine: eine positive.

Zweites Anzeigenblatt im Unterland ist der „Tip der Woche“ aus dem Hause Lidl und Schwarz, jenem großen deutschen Handelskonzern, der seinen Sitz in Neckarsulm hat. Im Raum Heilbronn und Ludwigsburg erscheint der „Tip“ wöchentlich in einer Auflage von rund 250.000 Exemplaren. Bundesweit sollen die Anzeigenblätter aus diesem Hause eine Auflage von zwei Millionen wöchentlich haben. Jene Druckhäuser, die diese Blätter über ihre Maschinen laufen lassen dürfen, haben gute Aufträge. Die „Heilbronner Stimme“ gehört noch nicht dazu.

Ein weiteres Anzeigenblatt bei uns im Unterland ist der „Moritz“, eine Szene-Zeitschrift, die sich „Stadtmagazin für die Regionen Heilbronn und Ludwigsburg“ nennt und allmonatlich in einer Auslage von 30.000 Exemplaren an Tankstellen und in Einzelhandelsgeschäften kostenlos ausliegt. Zu haben ist das Blatt darüber hinaus im Neckar-Odenwald-Kreis in einer Auflage von 10.000 Exemplaren und in Hohenlohe mit 15.000 Exemplaren. Auflage insgesamt 55.000 Exemplare. Eine Zeitschrift für die Jugend – wie es sie in nahezu jeder Großstadt gibt.

Zwei andere Szeneblätter kämpfen gegen den Marktführer „Moritz“: das „Freizeitjournal“ (Auflage monatlich 30.000 Exemplare) und „Ebbes“ (Auflage ebenfalls 30.000 Exemplare). Während „Moritz“ und „Ebbes“ Unterländer Gewächse sind, wird das „Freizeitjournal“ vom Verlag Multisell in Helmstedt herausgegeben.  Die Frage lautet jetzt: Tragen sich bei uns in der Region die drei Blätter dieser Machart – oder kommt es demnächst zu einer Bereinigung auf diesem ganz speziellen Markt.

Neu auf dem regionalen Medienmarkt seit dem Frühjahr 1997 ist aus dem Hause „Neckar Express“ das vielumstrittene Frauenmagazin „Azzurra“, das an 30.000 ausgesuchte Haushalte im Stadt- und Landkreis Heilbronn monatlich kostenlos verteilt wird. Die „Frau im besseren Wohngebiet“ – so heißt es – wird damit angesprochen. Eine Konzeption, die es nur zweimal bisher in Deutschland gibt. Allerdings ist das Blatt erst vier Ausgaben alt. Man muß also sehen, wie das Experiment weiter verläuft. Mutig war es auf jeden Fall, in Zeiten des Anzeigen- und Auflagenrückgangs bei klassischen Frauenzeitschriften sich einem regionalen Blatt dieser Machart kostenintensiv zuzuwenden.

Berichtet wird aus Heilbronn und der Region auch noch von Korrespondentenbüros verschiedener Tageszeitungen in Baden-Württemberg. So hat die auflagenstärkste Zeitung des Landes, die „Südwestpresse“ aus Ulm ihr Heilbronner Büro in Untergruppenbach. Korrespondent ist der ehemalige Stimme-Redakteur Hans-Georg Frank. Die „Stuttgarter Zeitung“ besitzt ein Büro in Leingarten. Ihr Korrespondent ist Wieland Schmid, dessen Artikel in der Zeitung aus der Landeshauptstadt für Baden-Württemberg in den Rathäusern, Amtsstuben, Parteien, Verbänden, Industrie und Handwerk gefürchtet sind. Die „Rhein-Neckar-Zeitung“ aus Heidelberg betreut den Raum Heilbronn über ihre Redaktion in Sinsheim. Ihr Korrespondentenbüro in Heilbronn, das einst von Karl Kist geleitet wurde,  hat sie schon seit Jahren aufegegeben.


Elektronische Medien

Das Radio ist, so wurde vielfach angemerkt, nach der Zeitung die zweite Kommunikationsrevolution seit der Aufklärung; die dritte: das Fernsehen. Die immer noch anhaltende Karriere des Radios in der Gunst des Publikums dürfte darin begründet sein, daß das Radio schneller als das Fernsehen und unmittelbarer als die Tageszeitung sein kann. Es gibt für den Radiomacher in der Berichterstattung eine breite Vielfalt von Sendeformen, um aktuelle Informationen an den Hörer zu bringen. Ortsunabhängig kann nahezu jeder diese Informationen bei den unterschiedlich­sten Gelegenheiten empfangen.

Die Einschränkung bei all diesen vielen Vorteilen: Radio ist ein Medium des momentanen Konsums. Im Kontrast zur gedruckten Information ist der Sendeinhalt vollkommen dem augenblicklichen Empfinden und der Rezipierfähigkeit des Konsumenten ausgeliefert. Kaum etwas ist wiederholbar, nichts nachlesbar. Es gilt: Wer beim Hörer ankommen will, muß sich etwas einfallen lassen.

Oder anders mit dem Kirchenvater Augustinus gesagt: "Wenn Du etwas sagst, und der andere versteht Dich nicht, dann hast Du es nicht gesagt."  – Und der Hörer schaltet ab oder einen anderen Sender ein. Heute mit der vorhandenen Technik im Autoradio oder den HiFi-Anlagen leicht zu bewerkstelligen. Ansonsten gilt der alte Mediengrundsatz: „Wer schreibt, der bleibt.“ Hörfunkleuten wird dieser Satz immer wieder schmerzlich bewußt, wenn es um die Verbreitung und Akzeptanz ihrer Beiträge beim Hörer geht.

Das neue Zeitalter der elektronischen Medien ist in den vergangenen Monaten in Heilbronn 24 Jahre alt geworden. Am 1. April 1973 zog der Süddeutsche Rundfunk ins damals frisch eröffnete Shoppinghochhaus an der Allee 40 ein. Ein von der Geschichte gepägter Medienstandort für Heilbronn. Ein Zulieferer-Studio war dieser regionale Südfunk. Beiträge für die drei Hörfunksender des Südfunks wurden angefertigt – und falls notwendig, auch für andere ARD-Hörfunksender.

Nebenbei bemerkt: Ich war damals der erste Hospitant in diesem neuen Südfunk-Studio, das von Werner Kieser geleitet wurde – und neben einem Redakteur, einem Techniker noch eine Sekretärin beschäftigte. Heute arbeiten im Südfunk-Studio auf einer 600 Quadratmeter großen Fläche in der Allee 40, also im Shopping­haus, 28 Mitarbeiter (18 im Programm, fünf in der Technik, vier im Sekretariat und einer fürs Fernsehen) unter dem Studiochef und Redaktionsleiter des Frankenradios Lutz Wagner. Nach rund zehn Jahren Südfunk-Studio Heilbronn begann man 1983 beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart – angesichts der sich abzeichnenden Möglichkeiten für die Lizensierung von Privathörfunksendern im Lande Baden-Württemberg – eine Überlegung härter zu formulieren, die schon lange in der Schublade der Rundfunk-Bürokratie lag: die Regionalisierung des Süddeutschen Rundfunks im Bereich Hörfunk.

Anläßlich der Landesgartenschau 1985 in Heilbronn wurde das „Frankenradio“ aus der Taufe gehoben, sendete vom 26. Mai bis 8. September täglich rund eine Stunde auf einer Mittelwellenfrequenz und auf einer kleinen UKW-Frequenz rund um Heilbronn. Nach der Gartenschau verschwand dieses Regionalradio wieder aus den Hörkanälen der Rundfunk­empfänger. Aufgrund der medienpolitischen Situation – wie es offiziell vom Südfunk damals hieß.

Erst am 28. Oktober 1987 bekam diese öffentlich-rechtliche regionale Schiene wieder eine Chance, das heißt eine eigene UKW-Frequenz. Morgens und mittags wird an Werktagen jeweils eine Stunde auf UKW 99,5 MHz ausgestrahlt. Eine Zeit des ungleichen Kampfes um die Hörer. Denn der erste Privathörfunksender der Region ist seit November 1987 in aller Munde und sendet mit voller Power.

Aber seit dem 1. Januar 1991 erhält das Frankenradio Heilbronn mit dem neuen Programm „S4 Baden-Württemberg“ die Basis für eine umfassende regionale Berichterstattung über den ganzen Tag hinweg. Mit vier weiteren Regionalstudios in Württemberg und Regionalstudios des Südwestfunks Baden-Baden wird das vierte Hörfunkprogramm „S4“, ein landesweiter Hörfunksender, der vom Süddeutschen Rundfunk und vom Südwestfunk gemeinsam produziert wird. Das „Frankenradio“ auf dieser S4-Schiene hat im Gesamtprogramm bestimmte Fenster, die es mit Musikwunsch-Sendungen und Magazinen sowie Nachrichten zur halben Stunde aus der Region Franken füllt.

Damals – im Jahre 1985 breitete sich so etwas wie eine Goldgräberstimmung im Lande in Bezug auf die elektronischen Medien aus, die offensichtlich bis heute teilweise anhält. Alle wollen bei der Verteilung des Radio- und Fernsehkuchens dabei sein, jeder will ein Stück von der  großen bunten Torte haben – aber nur wenige werden dieses Stück wirklich erhalten und auch bewahren können, wie die Geschichte der letzten Jahre deutlich zeigt.

Fernsehen in der Region? Die „Heilbronner Stimme“ hatte zur Landesgartenschau 1985 den tele-Verbund-Heilbronn gegründet, der live auf dem Gartenschaugelände Fernsehen produzierte, das aber nur für die Besucher der Gartenschau entweder auf Monitoren oder im Zelt live zu sehen war. Nach diesem Experiment ließ man die Finger vom lokalen oder regionalen Fernsehen, das offenbar ein Schuß in den Ofen war – und bis heute hat sich niemand mehr drangewagt. Jene in den Ballungszentren mit ihrem lokalen oder regionalen Fernsehprogramm experimentieren immer noch heftig. Die Heilbronner Stimme wandte sich nach diesem Flop dem privaten Hörfunk zu.


Privates Radio für die Region

Dank des ersten Landesmediengesetzes, bei dem 30 Lokalsender und 25 Regionalsender in Baden-Württemberg von der extra geschaffenen Landesanstalt für Kommunikation LfK in Stuttgart lizensiert werden sollten, konnte die Stimme nach einem halben Jahr Übungsphase im Gewo-Haus in der Paulinenstraße am 25. November 1987 mit dem ersten Privatsender für die Region Franken starten. „Radio Regional“ sendete aus dem vierten und fünften Stock des Heilbronner-Stimme-Hochhauses ein Programm für eine Region zwischen Crailsheim und Bruchsal, Ludwigsburg und Würzburg – dank zweier starker Sender, dem in Heilbronn auf dem Schweinsbergturm mit den Frequenz 103,2 MHz mit 25 Kilowatt und dem in Langenburg mit der Frequenz 100,1 MHz mit 50 Kilowatt.

Träger des Senders waren vornehmlich die Tageszeitungen der Region – an ihrer Spitze die „Heilbronner Stimme“. Sie hatte auch das Sagen, stellte den Geschäfts­führer, der in Personalunion der Verleger der Stimme, Frank Distelbarth, war. Und die Tageszeitung Heilbronner Stimme hatte von den anderen Gesellschaftern auch den Auftrag erhalten, in ihrem Hause Radio herzustellen, mit einer Abteilung des Medienhauses Heilbronner Stimme.

Chef dieses Medienhauses, was den journalistischen Teil anbetraf, war Werner Thunert, der „Gesamtmedienbeauftragte“, der aber weiterhin in erster Linie Chefredakteur der Tageszeitung war. Die Radiomannschaft, Redakteure, Mode­ratoren, Sekretärinnen, Marketingabteilung – alle waren Teil der Heilbronner Stimme, die Redaktion wie gesagt ein Abteilung der Zeitung.

Demzufolge wurde auch ein Mann der Zeitung Hörfunkleiter, ein Mann aus dem Hause, nämlich Hans Georg Grimm, der stellvertretende Chefredakteur und Chef vom Dienst der Tageszeitung. Der Sender hatte in den ersten Jahren große Erfolge zu verbuchen, vor allem im Kernsendegebiet schlug er offenbar lässig die bis dahin bewährten Südfunk-Sender. So die Ergebnisse der ersten Umfragen.

Aber als es nach dem Auslaufen der Lizenz 1994 zu einer Neustrukturierung des privaten Rundfunks im Südwesten kam, gab es auf einmal nur noch drei Bereichssender und 15 Lokalsender. Da hatte die „Heilbronner Stimme“ mit ihrer Radio-Regional-Gesellschaft das Nachsehen. Es waren zu viele Tageszeitungsverleger Gesellschafter bei „Radio Regional Heilbronn“, bemängelten die LfK-Leute. Deshalb hatten die Gesellschafter des anderen Regionalsenders in der Region, „Radio TON“ aus Bad Mergentheim, 51 Prozent der Anteile am neuen „Lokalsender“ und die Gesellschafter von „Radio Regional“ nur 49 Prozent erhalten. Die „Heilbronner Stimme“ besitzt demnach lediglich noch rund 25 Prozent der Gesellschafteranteile am neuen Lokalsender „Radio TON Regional“.

Bezeichnend für den Ärger, der dadurch im Hause „Heilbronner Stimme“ entstanden war, eines Unternehmens, das sich über Jahre hinweg als modernes „Medienhaus“ mit vielen verschiedenen Abteilungen verstanden hatte, ist der Satz des Verlegers der „Heilbronner Stimme“, Frank Distelbarth, bei der Einweihung des neues Druckhauses in der Austraße, als er in Anwesenheit der Ministerpräsidenten Erwin Teufel gezielt feststellte: Die negativen Lizenzverhandlungen um „Radio Regional“, das zu den bekanntesten und erfolgreichsten Privatsendern in Baden-Württemberg gehörte, sei ein wahres Lehrstück an perfider Pressefeindlichkeit. Distelbarth sprach sogar von einem echten politischen Skandal. Denn ihm sei durch die Lizenzverweigerung „Radio Regional“ förmlich aus der Hand geschlagen worden.

Die baden-württembergische Politik – ob links oder rechts, liberal, schwarz, rot oder grün – sieht das verständlicherweise anders. Und die Landesanstalt für Kommunikation in Stuttgart ist sich keiner Schuld bewußt. Man habe gesetzestreu die Lizenzen vergeben. Und es gab dagegen keine Klagen – auch nicht von der „Heilbronner Stimme“. Warum also regt sich der Herr Distelbarth so auf? Fragten sich die Damen und Herren in der Landeshauptstadt. Er hätte es schließlich so machen können, wie andere Verleger auch: mehr Anteilseignern aus anderen Bereichen der Wirtschaft statt aus den Tageszeitungsverlagen seine Lizenznehmergesellschaft öffnen.

Es wären in Heilbronn genügend Unternehmer bereit gewesen, sich als stille Gesellschafter bei „Radio Regional“ zu beteiligen. Sagen einige Kenner der Materie. Viele große und kleine Unternehmen wären Gewehr bei Fuß gestanden. Die Herren aus der Industrie- und Handelskammer Heilbronn können ganze Arien davon singen. Inwieweit hier reine Managementfehler vorliegen – darüber streiten derzeit einige Experten noch. Andere nicht. Und sagen: die Verleger wollten damals unter sich bleiben – hätten die politische und rechtliche Lage völlig falsch eingeschätzt.

Signifikant ist in der Folge für den neuen Sender der fliegende Wechsel bei den Geschäftsführern: Im Herbst 1994 ging „Radio Regional“ im neuen Flächenlokalsender „Radio TON Regional“ auf. Nach Frank Distelbarth folgte ein Übergangsgeschäftsführer Christian Frietzsch, dann ein Mann namens Edwin Ferring aus Bayern und seit jetzt mehr als einem Jahr hat eine Frau, Christine Winkelmann, aus dem Norden der Republik das Ruder übernommen. Das hat den Ruf des Privat-Radios nicht unbedingt verbessert, das Vertrauen der Kunden zunächst auch ein wenig durcheinandergewirbelt.Kiese

Jetzt scheint aber wieder Ruhe eingekehrt zu sein. Auch wenn Privatradio derzeit oftmals mehr zugunsten der Verpackung die seriösen Informationen hinten an stellt. Scherzhaft werden die Radiomacher auch Losbudenverkäufer genannt. Privatradio hat heute offenbar mehr mit Rummel als mit Informationsvermittlung zu tun.

In diesen Tagen existieren in Baden-Württemberg 14 Lokalsender und drei Bereichssender – „Radio 7 Ulm“, „Antenne 1 Stuttgart“ und „Radio Regenbogen Mannheim“. „Regenbogen“ und „Antenne 1“ können bei uns im Raum gut empfangen werden. „Radio Regional“ und „Radio TON“, die beiden früheren Regionalsender wurden verschmolzen, zunächst zum Flächen-Lokalsender „Radio TON Regional“. Heute hat man die Schleier abgelegt: Die Machtverhältnisse sind deutlich gemacht worden, es regiert wieder allein der Name „Radio TON“. Und damit sind auch die Mehrheitsverhältnisse klar gekennzeichnet.

Das „Stadtradio Heilbronn“ spielte in der ersten Lizensierungsphase nahezu keine Rolle. Nach wenigen Jahren des Dahinvegetierens und Darbens verschwand dieser qualvolle Radioversuch sang- und klanglos vom Markt.

„Radio TON“ und das „Frankenradio“ sind übriggeblieben im regionalen Hörfunk-Konzert. Das private Radio mit einer Musikfarbe, die Hörer bis zu 45 oder 50 animieren soll. Das öffentlich-rechtliche Regionalradio will offenbar musikalisch Hörer ab 50 Jahre erreichen. Was den Bereich „Wort“ anbelangt, also die Berichterstattung aus der Region, da sei Lutz Wagner, der Studioleiter in Heilbronn, zitiert: Er sieht sein Hörfunk-Programm im Frankenradio als einzige ernsthafte publizistische Klammer, neben den Tageszeitungen, in der Region – vor allem seit „Radio Regional“ vom Markt verschwunden ist.

Das Layout im Radio, die sogenannte Formatierung, steht derzeit vor allem bei den privaten Sendern im Vordergrund. Aber Layout allein macht noch keine interessante Sendung. Das haben die großen privaten Fernsehsender nach wenigen Jahren schon zu spüren bekommen und mit viel Aufwand und Geld ihren Berichterstattung in den Nachrichten und Magazinen ausgebaut – um die Meinungsführer, die entscheidenden Leute in der Gesellschaft, unter ihren Zuschauern zu binden. Und das werden die privaten Hörfunksender ebenfalls noch lernen – die neuesten Umfragen, die neuen Ergebnisse Media-Analyse werden in wenigen Tagen zeigen, wohin die Reise im privaten und öffentlich-rechtlichen Hörfunk geht.

Das „Frankenradio“ – soviel steht bisher fest – baut offenbar seine Hörerakzeptanz aus. Trotz der nicht gerade stringenten Formatierung. Und „Radio TON“ bleibt so stabil wie es war.

Nochmals zu den Kosten der öffentlich-rechtlichen Sender: Die „ARD“ hat jetzt – im Juni 1997 – festgestellt, daß sie ein Defizit von 913,8 Millionen Mark bis zum Jahr 2000 haben wird. Und auch das „ZDF“ teilte einen Haushaltsfehlbetrag für die laufende Gebührenperiode mit. Bis zum Jahr 2000 belaufe sich das Defizit auf 116 Millionen Mark. Das „ZDF“, das über einen Jahresetat von 2,75 Milliarden Mark verfügt, hat bereits Schulden in Höhe von 280 Millionen Mark. Nach der geplanten Rückzahlung, so ein Sprecher des „ZDF“, werde bis zur Jahrtausendwende ein neuer Fehlbetrag entstehen. Erst Anfang des Jahres waren die Rundfunkgebühren für die Öffentlich-Rechtlichen um 4,45 auf 28,25 Mark im Monat angehoben worden.


Wohin geht die Reise?

Nichts ist also mehr so, wie ich es vor mehr als zwanzig Jahren zu Beginn meiner ersten journalistischen Schritte in Heilbronn und der Region angetroffen habe. Und die Veränderungen halten an. Ja, das Tempo beschleunigt sich noch, dank der sich in rasenden Schritten weiter entwickelnden Technik. Sie gibt heute den Takt an, nicht das publizistische Wollen der Politiker oder der Unternehmer.

Wohin geht die Medienreise hier in der Region? Viele Kritiker beschwören zur Zeit die Überflutung, die Überreizung der Menschen durch zu viele Angebote seitens der Medien. Andere halten dem entgegen: Jeder hat die Möglichkeit auszusuchen, was ihm behagt. Der Markt ist bei Hörfunk und Fernsehen sicherlich breiter geworden, so wie er im Printmedienbereich schon immer war. Wer heute eine spezielle Zeitschrift möchte, zum Beispiel eine Kulturzeitschrift, bekommt diese nur einmal im Monat und dann zu einem Preis zwischen 15 und 30 Mark. Offensichtlich lohnt sich das für den Verleger und für den Leser. Eine Marktlücke wird erkannt und ausgefüllt. Und selbst in dieser Nische existiert noch eine rege Konkurrenz.

Im Fernsehprogramm-Markt könnte die Entwicklung in eine ähnliche Richtung gehen. Wir haben ja schon das Boulevard-Fernsehen bei „RTL“ und „Sat1“. Ein privates Fernseh-Regional-Programm ist nicht am Horizont erkennbar – auch wenn es Experimente in einigen Städten in dieser Richtung gibt. Und auf dem Hörfunkmarkt bei uns in der Region wird es in Zukunft, wie schon beim öffentlich-rechtlichen Programm „S4“, rein aus Kostengründen zu einem Zusammenschluß der privaten Lokalsender oder der Bereichssender kommen müssen – mit Fenstern, in denen dann die regionalen Informationen aufbereitet werden.

Das Mantelprogramm wird landesweit produziert werden. Nordrhein-Westfalen hat hier in Ansätzen gezeigt, wie man es machen kann, so daß es für alle Beteiligten einigermaßen zufriedenstellend funktioniert. Aber auch hier ist das einst gelobte Modell auf die schiefe Bahn und ins Stottern geraten. Der private Rundfunk in NRW ist nach einigen Jahren des munteren Aufbaus jetzt in erhebliche Turbulenzen geraten. Ein Gewürge, das bei uns im Lande Alltag bei den privaten Hörfunksendern scheint.

Viel entscheidender für die Zukunft ist der neue große öffentlich-rechtliche Sender „Südwestrundfunk“, der ab 1. Januar 1998 im Südwesten entstehen wird. Der Zusammenschluß von Süddeutschem Rundfunk in Stuttgart und Südwestfunk in Baden-Baden zum zweitgrößten ARD-Sender in der Bundesrepublik Deutschland wird die Medienpolitik im Lande erheblich verändern.

Der neue Sender „Südwestrundfunk“, mit einem Nettogebührenaufkommen von 1,6 Milliarden Mark und über 4.200 Beschäftigten, wird in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zum 30. September 1998 endgültig die beiden aus der Besatzungszeit stammenden Sender „SDR“ und „SWF“ ablösen. Einsparungen werden dabei vorläufig nicht im Vordergrund stehen – wie bei einem solch öffentlich-rechtlichen Unternehmen zu erwarten war. Dafür gibt es zuviel Besitzstandsdenken in Politik und in den Häusern selbst. Also keine Senkung der Rundfunkgebühren. Im Gegenteil.

Die Regionalisierung soll im „SWR“ weiter ausgebaut werden – sowohl im Hörfunk als auch im Fernsehen. Allerdings sind im jetzt unterzeichneten Staatsvertrag die Anzahl der Programme festgeschrieben. Aber dank neuer Techniken und Übertragungs­wege gibt es da auch noch Möglichkeiten, solche Bestimmungen leicht zu umgehen.


Medienkosten

Kosten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ließen sich sparen – sicherlich. Die Fernsehprogramme „Phoenix“ und „Arte“, die offenbar kein Mensch braucht, wenn die öffentlich-rechtlichen Haupt­programme ihre Aufgabe richtig erfüllen, werden eingestellt, die Dritten Fernseh­programme auf Regionalniveau, das ihnen zusteht, zurückgestutzt und nicht mehr international verbreitet. Teure Spielfilme und Sportveranstaltungen überläßt man gleich den Privaten und treibt nicht mit Gebührengeld die Preise immer weiter in die Höhe. Drei öffentlich-rechtliche Hörfunkprogramme pro Anstalt statt derer fünf reichen aus: Damit müßten spezifische und allgemeine Informations- und Unterhaltungsbedürfnisse zu befriedigen sein. Das wäre eine Reform. Die Realität in unseren Tagen ist aber noch eine ganz andere.

Was wir jetzt im Südwesten mit dem „SWR“ bekommen, ist nur der Ansatz, ein Reförmchen. Bisher ohne planbare Einspareffekte konstruiert. Der Medienkonsum ist teuer – und wird immer teurer. Um die 30 Mark Rundfunkgebühren und 35 Mark für die Tageszeitung. Da sind wir mit der Illustrierten schnell bei 70 Mark angelangt. Medienhungrige kommen lässig im Monat an die zweihundert Mark – mit Verkabelung, Internet und anderen Diensten können es sogar 500 Mark für den Medienkonsum sein. Telefongebühren noch nicht mitgerechnet.

Ein durchschnittlicher Haushalt kann sich diese Kosten – neben all den anderen, die ständig steigen –  kaum mehr leisten und kappt. Rundfunk- und Fernsehen können nicht gekündigt werden – wenn man Geräte zum Empfang sein eigen nennt. So ist die Rechtslage. Auf diesen Empfang will auch kaum jemand verzichten. Aber bei Zeitschriften oder Tageszeitung sieht es ganz anders aus. Die kann man leicht abbestellen. Oder man sucht genauer aus.

Da gibt es viele Möglichkeiten. Zwei oder drei Haushalte lesen zusammen eine Tageszeitung. Man kauft die Zeitung nur an bestimmten Tagen der Woche. Oder aber man abonniert überhaupt keine Zeitung. Beläßt es im Medienkonsum bei den Anzeigenblättern, den regionalen Hörfunksendern und dem Fernsehen. Man ist preiswert, aber nicht umfassend durch Printmedien informiert. Für die „Grundversorgung“ hat man ja die öffentlich-rechtlichen Hörfunk- und Fernsehsender. Viele gehen offenbar schon diesen Weg.

Und die Tageszeitung? Wie reagiert sie auf die neuen Herausforderungen, auf die Revolution im Medienmarkt? Die Einnahmen aus den Anzeigen stagnieren bei den Tageszeitungen in Baden-Württemberg. Oder sinken teilweise schon – Jahr um Jahr. Die Abonnentenzahlen sind auch nicht erweiterbar. Im Gegenteil: Sie schrumpfen leicht. Und gleichzeitig muß in neue Technik investiert werden. Das verlangen die Leser und die Anzeigenkunden.

Es müssen also neue Strategien entwickelt werden, um den Leser als Kunden zu binden. Die Geschenke für einen neuen Abonnenten werden immer prächtiger. Handys, wertvolle Koffersets, Stereoanlagen, Kameras, Küchen und Bohrmaschinen – und vieles andere mehr. Die „Stuttgarter Zeitung“  bietet sogar jetzt an, die Zeitung kostenlos ein halbes Jahr zu liefern, wenn der Werber auf sein Geschenk verzichtet. Man kann das Geld aber auch – gegen Spendenquittung – einem guten Zweck zukommen lassen.

Die Tageszeitung „Die Welt“ hat – bisher nur für Studenten – ein Bonsystem entwickelt. Man kauft die Zeitung dann am Kiosk, wenn man glaubt, sie lesen zu müssen. In Amerika wird das Wochenend- oder das Halbwochen-Abonnement angeboten.

Leserreisen, Verlosungsaktionen und vieles andere mehr an Public-Relations-Aktionen sollen die Leser Blatt-Bindung auch noch verstärken. Letztlich aber kommt es darauf nicht an. Denn der Verlag kann dem potentiellen Leser die Zeitung nicht kostenlos täglich anbieten. Der Kunde muß Vertrauen zum Produkt „Zeitung“ haben, muß sich auf sie verlassen können, muß sie mögen.


Gute Zeitung?

Wie sieht die Liste der Eigenschaften einer guten Zeitung aus? Fragen sich viele, wenn sie auswählen müssen. Kluge Köpfe sind zu folgenden Ergebnissen gekommen:

– Beständigkeit in der Berichterstattung statt Schnappschüsse.
– Gute Zeitungen sollen aggressiv untersuchen, was Interessenten dem Publikum verbergen wollen.
– Investigativer Journalismus muß nicht unbedingt gemein-aggressiv sein, sondern erkundet gründlich schwierige Sachverhalte und erklärt die Zusammenhänge.

Allerdings ist das in unseren Zeiten der schnellen Technik sehr schwierig. Wofür der Journalist früher teilweise Tage oder Wochen Zeit hatte, das muß er heute möglichst an einem Tag erledigen.

Weitere Kennzeichen: Gute Zeitungen sind fair, vor allem wenn Persönlichkeitsrechte tangiert sind. Aufrichtigkeit ist ein weiteres Merkmal. Die Berichterstattung einer guten Zeitung wird sich gelegentlich irren – aber das Vertrauen des Lesers geht deshalb nicht verloren, wenn er bemerkt, daß die Redaktion sich korrigiert.

Selbstverständlich darf die Zeitung nichts erfinden – und auch unbestreitbar richtige Nachrichten nicht so „massieren“, daß dem Leser die andere Seite des Falls vorenthalten oder verdunkelt wird. Zu einer guten Zeitung gehört auch die „Subkultur“ der Redaktion: Chefredakteure oder Herausgeber sollten sich davor hüten, ein Klima zu erzeugen, in dem junge Kollegen anfangen, sich zu überlegen, welche Berichte im eigenen Hause gern gelesen werden – und welche ihr Fortkommen behindern.

Das ist hehr gefordert. Aber in unseren Zeiten sollte an diese Grundsätze gelegentlich erinnert werden. Der Leser merkt über kurz oder lang, ob die Zeitung vom Verlag zum bloßen Geldverdienen oder  vor allem für den Verbraucher, den Kunden, den Leser gemacht wird.

Es ist fast überall in zivilisierten Staaten ähnlich: Offenbar kommt es für Qualitätszeitungen in England, in Amerika, der Schweiz oder Deutschland nicht nur darauf an „gut“ zu sein, sondern auch darauf, über einige handfeste Funktionen und besondere Kompetenzen in bestimmten geographischen und politischen Räumen zu verfügen und diese zu verteidigen, am besten sogar auszubauen. Gute Zeitungen müssen und dürfen offenbar, wenn sie wachsen wollen, nicht den Wunsch haben, jedermanns Zeitung zu werden. Denn jedermanns Liebling ist bekanntlich jedermanns Dackel. Man könnte auch sagen: Qualitätszeitungen sind nur etwas für Qualitätsleser. Ob Boulevardblatt, Zeitung für Deutschland oder die Region.

Lokal- und Regionalzeitungen vor allem müssen sich in Zukunft also viele Gedanken machen - und sich neu positionieren. Kostenlose Wochenblätter, kostenlose Monatszeitschriften, die Ortsblätter, die regionalen Hörfunksender - ob privat oder öffentlich-rechtlich - sind auch Fische, die im Teich des Medienmarktes fressen wollen. Und was sie verschluckt haben, kann der große Anbieter schon nicht mehr fressen. Außer er frißt den kleinen Fisch.

Heute kann jeder Verleger werden – in einer Zeit, in der jeder mit einem anständigen Computer und einigen Kenntnissen sein eigenes Blatt kreieren kann, wenn er seinen Datenträger zu einem Druckhaus bringt , um dort sein Erzeugnis – sofern er das Geld dazu hat – drucken zu lassen. Dann transportiert er mit dem Privat-Pkw das Blatt von Tankstelle zu Tankstelle und deponiert es dort für seine Kunden. In einer solchen Zeit muß auch ein großes Haus, ein großer Verlag sehr beweglich werden, um am Markt mithalten zu können.

Und auch die „Heilbronner Stimme“, unsere regionale Tageszeitung, wandelt sich ja schon. Im Layout gibt es farbige Markierungen, die dem Leser den Weg zeigen. Die Bilder werden bunter. Die Schrift ist größer geworden. Viele fragen sich, ob es die richtige, erfolgversprechende Richtung ist, in die gesteuert wird. Die direkte Konkurrenz fehlt – und das ist eigentlich das Tragische. Weil die kleinen Fische im Teich oft zu spät gesehen werden. Vielleicht wird das neue Team um Tilman Distelbarth, dem neuen Geschäftsführer unter den dreien im Impressum, ganz neue Wege einschlagen – und alle im Unterland und der Region werden sich demnächst verwundert die Augen reiben.

Vorläufig sehe ich den Bestand der Tageszeitung nicht gefährdet. Aber auch bei den Tageszeitungen ist der Markt in Bewegung. Im Osten Deutschlands hat sich der Westen eingekauft – und wenn sich diese großen Zeitungen einmal rechnen, dann können sie und ihre westdeutschen Mutterhäuser Appetit bekommen. Eine wirtschaftlich noch recht gesunde Regionalzeitung mit neuem Druckhaus kann da durchaus Objekt der Begierde für ein noch größeres Unternehmen im Medienbereich werden.

Erst kauft man Anteile und irgendwann hat man die Mehrheit. Und dann kommt der Mantel mit der internationalen, nationalen und baden-württembergischen Politik, der Sport, die bunten Seiten, die Wochenendbeilage, die Fernsehbeilage, die Sonntagszeitung irgendwann einmal aus Stuttgart, Mannheim oder Karlsruhe. Technisch ist das ja schon lange möglich. Aber die Verschachtelung unserer Tageszeitungsverlage in Baden-Württemberg bietet hier viel Widerstand.

Da die „Heilbronner Stimme“, was den Abonnementpreis anbelangt, heute doch recht teuer ist, obwohl sie keine Sonntagszeitung aufweist, könnte auch diese Beigabe dann geliefert werden – wie das heute schon in vielen Landesteilen Baden-Württembergs zum normalen All- beziehungsweise Sonntag selbstverständlich gehört. Das ist innovativ und spart Kosten. Aber noch ist es im Unterland nicht soweit, was in anderen Landstrichen Medienalltag ist. Im Gegenteil: Im Hause „Heilbronner Stimme“ wird an solche Erweiterungen momentan nicht gedacht.

55 Milliarden Mark hat die Werbebranche im vergangenen Jahr ausgegeben. Das sind 2,8 Prozent mehr als im Vorjahr. 1996 entfielen 37,5 Milliarden Mark auf die Medien, wobei die Tageszeitungen im Vergleich zum Vorjahr Einbußen in Höhe von 0,4 Prozent erlitten. Nach wie vor stehen sie aber mit einem Erlös von 10,68 Milliarden als Werbeträger an der Spitze. Werbeintensivste Branche war der Autosektor, dicht gefolgt von den Massenmedien, deren heftiger Wettbewerb um Leser, Hörer und Zuschauer zu einem Werbevolumen von 2,2 Milliarden Mark führte – ein Plus von 13,2 Prozent. Diese Zahlen belegen den heftigen und auch teilweise gnadenlosen Kampf um Sie – die Leser, Hörer und Zuschauer.

Vielleicht laden Sie mich ja in zehn Jahren nochmals zu diesem Thema ein. Dann erzähle ich Ihnen im Jahre 2007, wie rasant die Entwicklung im Medienbereich der letzten zehn Jahre war. Und vielleicht werde ich dann feststellen müssen, wie überschaubar es doch 1997 in der Medienlandschaft des Wirtschaftsraumes Heilbronn war. In zehn Jahren – hier im Kaffeehaus Hagen in der Christophstraße.


Jürgen Dieter Ueckert
Heilbronn, 5. Juni 1997

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