Printmedien und elektronische Medien
seit 1945 in Heilbronn
Rückblick und Ausblick
Was war – was ist – was wird?
Von Jürgen Dieter Ueckert
Meine Damen und Herren,
wer jammert, hat mehr vom Leben. Das ist eine Binsenweisheit. Aber amerikanische Ärzte haben das wissenschaftlich jetzt untermauert. Und darüber gab es dann selbstverständlich eine Pressemeldung, die auch mir neulich auf den Tisch flatterte. Just in der Vorbereitung dieses Vortrags. Und da stand dann nicht nur zu lesen, daß jene Menschen, die jammern mehr vom Leben haben – sondern daß sie auch länger leben.
Insofern
hat die SPD als Oppositionspartei gute Chancen, noch lange Zeit im politischen
Geschäft mitzumischen. Es sah ja zeitweise so aus, daß unser Jahrhundert, das
viele das sozialdemokratische Jahrhundert nennen, in ein konservatives, stark
religiös geprägtes Jahrhundert münden würde. Aber im Moment hat die Linke Aufwind
in Europa – und die SPD in Deutschland scheint sich auch wieder aufzurappeln.
Trotz der vorübergehenden Verwirrung in Baden-Württemberg.
Vor
mehr als zwanzig Jahren sprach ich zuletzt vor einem so erlauchten Kreis von
Genossinnen, Genossen und Freunden der SPD. Während meiner fast zehn Jahre
Radiozeit beim Privathörfunk wurde ich auch gelegentlich von SPD-Gruppierungen
zu Vorträgen über die neuen Medien in der Region eingeladen. Aber das war dann
mehr in Kornwestheim, in Murr an der Murr – also im Ludwigsburger Raum oder in
Hohenlohe. Die Heilbronner hatten da ihre Vorbehalte. Und das hat ja auch seine
Geschichte. Meine Aktivität in dieser Partei begann Ende der sechziger Jahre –
da war Aufbruchsstimmung angesagt. Und sie endete Mitte der siebziger Jahre –
kurz vor dem Abschwung. Jetzt darf ich zu Ihnen reden. Und wer weiß –
vielleicht ist das ein Zeichen von glücklicher SPD-Zukunft.
Wer
jammert, der hat mehr vom Leben. Und wenn er politisch jammert, hofft er damit
auch in der Presse zu erscheinen. Das ist ja oftmals die Vorstellung von Otto
Normalverbraucher und Lieschen Müller über die Medien, wenn positiv über die
Zeitungen gedacht wird. Man kann in hoher Auflage auf viele Ungerechtigkeiten
aufmerksam machen, etwas verändern, die Welt durch Anprangern von Mißständen zu
bessern versuchen. Und wenn es nur zum eigenen Vorteil gereicht – wie bei
manchen Politikern. Sicherlich ein Trugschluß. Aber ein schöner, ein
idealistischer – dem gedruckten Wort und seiner Wirkung vertrauender
Trugschluß.
Oder
der Informant benutzt die Presse als Boulevard, auf dem er geputzt und
geschmückt einherschreitet. Vor allem, wenn der eigene Name, die eigene Firma
in irgendeinem Blatt erwähnt wird – und das mit vielen positiven Vorzeichen.
Welche Anstrengungen werden heute nicht unternommen, um in die Zeitung, den
Rundfunk oder das Fernsehen zu kommen. Bei großen mittelständischen
Unternehmen, aber erst recht bei Konzernen beschäftigen sich ganze Abteilungen
– möglichst beim Vorstandsvorsitzenden angesiedelt – mit der Herausgabe
glänzender, reich bebilderter Broschüren und Mappen voller Pressetexte, die oft
mehr Büchern ähneln – allein, um das Image des Hauses aufzupolieren.
Aber
es nützt nicht immer. Das Produkt und der gute Name lassen sich damit eventuell
aufpolieren – nicht aber im positiven Sinne gestalten. Was hat die SPD nicht
alles schon an sinnreichen und sinnlosen Medienkampagnen gefahren, mit denen
Agenturen heute noch als ästhetisches Muster aufwarten. Es hat nicht viel
genutzt. PR ersetzt eben keine Tatsachen.
Die
sogenannten Skandale, die tatsächlichen und die vermeintlichen – das sind jene
Momente im täglichen Leben, in denen sich zeigt, wie gut oder schlecht in den
Firmen oder Parteien eine Presseabteilung funktioniert. Und bei diesem Hochamt
des Journalismus zeigt sich dann auch, wie gut oder schlecht eine Redaktion
arbeitet.
Bei
solchen Gelegenheiten muß dann der Anspruch der Zeitungshäuser eingelöst
werden, das Wächteramt in der Demokratie kritisch, selbstbewußt und
verantwortungsvoll wahrzunehmen. Keine vierte Gewalt im Staat. Aber die
Berichterstattung als ein reinigendes Gewitter.
Soweit
der Ausflug in die höheren Sphären – zurück in die Niederungen provinzieller
Medienlandschaft.
Die Anfänge
Wenn
ich an meine Anfänge in diesem Beruf zurückdenke, das war so überschlagen vor
rund 25 Jahren, war die Medienlandschaft damals noch festgefügt, geordnet und
übersichtlich.
In
Heilbronn gab es eine Tageszeitung, Anzeigenblätter steckten noch in den
Kinderschuhen, der Rundfunk war ausschließlich öffentlich-rechtlich – und
sendete drei Programme: ein traditionelles für Service, Politik und
Unterhaltung – das erste Programm, ein zweites Hörfunkprogramm für
Intellektuelle und ein gerade frisch geschaffenes für die Jugend mit Pop und
Rock. Dafür hatten die Verantwortlichen sich auf vielen, teuren Dienstreisen
in die Vereinigten Staaten ein wenig Anregung bei Privatsendern geholt. Das
Fernsehen sendete drei Programme: das Erste, das Zweite und die vielen Dritten,
je nach Landschaft. Bayern hatte ein drittes Programm für sich,
Baden-Württemberg, das Saarland und Rheinland-Pfalz teilten sich eines. Und
wenn Sie eine anständige Antenne hatten, dann konnten Sie diese drei
Fernsehprogramme sogar störungsfrei empfangen – allerdings nicht überall bei
uns in deutschen Landen – in der ehemaligen DDR gab es ganze Täler der
Ahnungslosen.
Aber
all das war einmal. Heute gibt es mehr als 30 Hörfunkprogramme in Heilbronn
über Antenne zu empfangen, mehr als 30 Fernsehprogramme – je nachdem, ob sie
verkabelt oder verschüsselt sind. Anzeigenblätter gibt es zwei bis drei größere
und viele kleinere. Jedoch nur eine Tageszeitung. Das ist geblieben. Das hat
Tradition – für mehr Tageszeitungen ist offensichtlich kein Platz im
Wirtschaftsraum Heilbronn vorhanden. Sonst hätte es ja schon jemand probiert.
Gewollt hatten viele, gekonnt hatte bisher noch keiner.
Und
diese Tageszeitung ist ein Blatt mit Institutionscharakter – 1996 feierte die
„Heilbronner Stimme“ schließlich ihren 50. Geburtstag. Verglichen mit der
Heilbronner Pressegeschichte wahrlich eine lange Zeit. Denn erst vor gut 250
Jahren, genau 1744, ist in dieser Stadt erstmals eine Zeitung erwähnt worden.
Sie hieß „Wöchentlich Heilbronnerisch Nachricht- und Kundschaftsblatt“.
Und
wie fast alle Zeitungen damals hatte sie den Charakter eines Anzeigenblattes.
Die Geschichte sagt, daß aus diesem Nachrichten- und Anzeigen-Blatt 1861 die
„Neckar Zeitung“ entstanden ist. Die „Heilbronner Stimme“ heute – sie versteht
sich als Nachfolgerin dieses traditionsreichen Unternehmens „Neckar-Zeitung“,
einer Zeitung, deren bekanntester Chefredakteur der erste Bundespräsident
Theodor Heuss war – und zwar von 1912 bis 1917.
Vor
60, 70 Jahren – so scheint es vielen Zeitzeugen und Wohlmeinenden im Rückblick
– sei Heilbronn ein gutes Pflaster für Zeitungen gewesen. Eine Blüte für
Publizisten habe es damals gegeben. Allerdings waren das in jener Zeit
Zeitungen, die eine mehr politische Ausrichtung besaßen, nicht jenen
Journalismus pflegten, der nach dem Krieg in Anlehnung an angelsächsische
Traditionen auch bei uns entstanden ist.
Und
so sah die Presselandschaft aus: Liberal, nach anfänglichem Linksdrall, war die
„Neckar-Zeitung“, nationalistisch der „Heilbronner Generalanzeiger“ („mit
starkem Willen zur Rettung Deutschlands“ und sozialdemokratisch das „Neckar
Echo“, das zeitweise die auflagenstärkste Zeitung in der Stadt Heilbronn war.
In der Zeit des Nationalsozialismus existierte dann weitestgehend nur noch
eine Zeitung: das „Heilbronner Tagblatt“, das zeitweise als Schwesternblatt
die „Heilbronner Morgenpost“ herausbrachte.
Die Stunde Null
1945
– die Stunde Null unseres heutigen Staates, unserer zweiten deutschen
Demokratie ist eingeläutet. Und wenige Monate später, schon am 28. März 1946
erscheint erstmals nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Zeitung in
Heilbronn. In der amerikanischen Besatzungszone ist die „Heilbronner Stimme“
die 31., und in Württemberg ist sie nach der „Stuttgarter Zeitung“ und der
„Schwäbischen Donau Zeitung“ die dritte Zeitung, die sich auf dem zerstörten
Markt einrichten konnte. Lizenzen wurden von den Militärbehörden vergeben. Die
US-Behörden entschieden sich für Paul H. Distelbarth (1879 bis 1963) und
Hermann Schwerdtfeger (1903 bis 1988) als Lizenznehmer.
Paul
H. Distelbarth, ein
gebürtiger Reichsdeutscher aus Böhmen, entwickelt sich im Ersten Weltkrieg zum
Pazifisten, übernimmt 1921 einen Hof bei Löwenstein, muß 1933 wegen
Verhaftungsgefahr durch die Nazis fliehen und wird als Pariskorrespondent zum
Frankreichexperten, der sich in Büchern und Artikeln für die
Völkerverständigung einsetzt.
Hermann
Schwerdtfeger, der
andere Lizenznehmer, stammt aus Stuttgart, wird 1933 als Redakteur beim Haller
Tagblatt aus politischen Gründen entlassen und bewirtschaftet danach ein
landwirtschaftliches Grundstück bei Abstatt.
28.
März 1946: Bei einem Festakt im Schießhaus Heilbronn wird an die beiden
Herausgeber von einem US-Offizier die Lizensierungsurkunde übergeben. Die
Auflage der „Heilbronner Stimme“ damals: 38.000 Stück, das Blatt kostete 1946
ganze 20 Pfennige. Heilbronns Oberbürgermeister Emil Beutinger schreibt in der
ersten Ausgabe: „Die Zeitung soll der Aufklärung dienen, der Wahrheit über
Vergangenes und der Zukunft.“ Und die Herausgeber Distelbarth und Schwerdtfeger
betonen in einem Leitartikel unter der Überschrift „Unsere Aufgabe“: „Das erste
Gebot ist das einer unbestechlichen und unbeirrbaren Wahrheitsliebe.“
Eigentlich
sollte diese neue Zeitung den Namen „Heilbronner Zeitung“ tragen. Die ersten
drei Probenummern tragen auch noch diesen Titel. Aber die US-Behörden wollten
nur einen Namen zulassen, den es zuvor noch nicht gegeben hatte. So wurde sehr
schnell der Name „Heilbronner Stimme“ geboren. In Großgartach (Leingarten) wird
gedruckt. Und zwar in der 60 Quadratmeter großen Scheune, ein Hintergebäude des
Landgasthofs „Zum Löwen“. Zwei Setzmaschinen und eine klapprige Rotation
gehören zum Beginn der Technikgeschichte dieses Zeitungshauses. Verlag,
Redaktion und kaufmännische Abteilung arbeiten im Keller des Heilbronner Schießhauses.
Aber
schon im November 1946 wird in neue Räume umgezogen – in die Hauptpost an der
Allee, erstes Stockwerk. Und im Juli 1947 zieht die Technik der Stimme dorthin
um, wo heute das Shoppinghochhaus steht, ins Haus der Vereinsdruckerei. Die
Redaktion folgt 1948. Im Oktober 1950 ist der Standort schon die heutige Allee
2: Zunächst im Rückgebäude – und ab 1957 zieht die Redaktion in das neuerbaute
Stimmehochhaus. Damals ein kleines Wunderwerk der neuen Zeit für Heilbronn.
Umbauten
prägten das Areal an der Allee ja bis in die heutigen Tage. Seit August 1995
ist eine zweite Adresse hinzugekommen: Austraße 50. Dort wurden für den
„Pressedruck“ 34 Millionen Mark in die Gebäude und 51 Millionen Mark in die
technische Ausstattung investiert. Das neue Druckhaus, das insgesamt somit an
die 90 Millionen Mark gekostet hat, stärkte die Medienmacht des Verlagshauses
„Heilbronner Stimme“ entscheidend. Manche Kritiker behaupten, es sei zehn Jahre
zu spät gebaut worden. Druckhäuser dieser modernen Beschaffenheit und
Ausstattung gebe es viele in Deutschland – vor allem im süddeutschen Raum. Aber
Kunden dafür, die gute Druckaufträge haben, gebe es weniger. Einziger Großkunde
bis zum heutigen Tage ist meines Wissens das wöchentlich in einer Auflage von
157.000 Exemplaren im Unterland erscheinende Anzeigenblatt „Neckar Express“.
Die
werktägliche Erscheinungsweise der „Heilbronner Stimme“ war übrigens von Beginn
an nicht selbstverständlich: Von Mai bis Juli 1947 erscheint die Zeitung damals
nur mit zwei Ausgaben pro Woche. Das Abonnement kostet 1,90 Mark. Seit ersten
November 1948 gibt es sechs Ausgaben pro Woche. Der Abopreis: 2,70 Mark – die
Auflage liegt bei 55.000 Exemplaren.
Sie
werden sich jetzt fragen: „Und wie sieht es heute aus?“ Die Gesamtauflage der
„Heilbronner Stimme“ betrug im zweiten Quartal 1995 an verkauften Exemplaren
102.527, davon in der Stadt Heilbronn 24.694. Die Hohenloher Zeitung besitzt
eine Auflage von 21.594 – der Rest verteilt sich auf Nord-Mitte, Südwest,
Weinsberger Tal, Südost, Nordost, Leingarten, Nordwest und Eppinger Zeitung.
Der
Abopreis 1995: 32,80 Mark. Heute beträgt er 34,80 Mark einschließlich
Zustellgebühr und sieben Prozent Mehrwertsteuer, bei Postbezug im Inland 40,80
Mark. Zum Vergleich: Die Stuttgarter Zeitung kostet mit ihren sieben Ausgaben in der Woche
pro Monat 35,50 Mark, bei Postzustellung 37,50 Mark. Die Stuttgarter
Nachrichten liegen im Preis ebenso. Und die Frankfurter Allgemeine
Zeitung kostet als Deutschland-Ausgabe 45 Mark, als Rhein-Main-Zeitung
(also mit Lokalteil und Sonntagszeitung) 47,20 Mark, für Studenten,
Wehrpflichtige und Zivildienstleistende – gegen Vorlage einer entsprechenden
Bescheinigung – lediglich 29,80 Mark. Die Stuttgarter Zeitung mit sieben
Ausgaben pro Woche ist also nur 70 Pfennige teurer als die Stimme mit ihren
sechs Ausgaben.
Die Chefredakteure
Chefredakteure
bestimmen heute entscheidend den Inhalt einer Zeitung, stellen Redakteure ein,
die die Tendenz des Verlags mittragen. Chefredakteure sind also die
Blattmacher, die das Erscheinungsbild der Zeitung prägen. Der erste
Chefredakteur der „Heilbronner Stimme“ war der schon erwähnte Lizenznehmer
Hermann Schwerdtfeger. Seit dem Jahre 1946 bestimmte er die politische
Richtung der Zeitung. Vielleicht sind Ihnen – wie mir – noch die großen Artikel
zu Weihnachten, zum Jahresende, zu Pfingsten und Ostern in Erinnerung, in denen
Schwerdtfeger seine philosophischen Gedanken zur Jahreszeit in nahezu
meterlangen Spalten den Lesern offerierte.
Heute
wäre so etwas kaum mehr möglich – ich meine sogar: Es wäre absolut unmöglich
und untragbar. Ob es damals die Leser interessiert hat, das wage ich zu
bezweifeln – wenn Sie sich vor Augen führen, welche Zeitungen in der Nachkriegszeit
sich am freien Markt, also im Straßenverkauf, am Kiosk durchsetzten und grandiose
Erfolge aufzuweisen hatten – teilweise bis in unsere Zeit.
Im
Jahre 1971 – also erst nach 25 Jahren – kam der zweite Chefredakteur ans Ruder.
Karl Hohmann, ein gebürtiger Berliner, der von der
Boulevardpresse kam, dann ab 1947 die Hohenloher Zeitung für Öhringen gestaltet
hatte, ist in Journalistenkreisen heuer noch gelegentlich im Gespräch. Denn er
hatte es zu verantworten, daß – erstmals und einzigartig in der
Nachkriegsgeschichte bis zum heutigen Tage im württembergischen Unterland –
Artikelzeilen in der „Heilbronner Stimme“ eingeschwärzt wurden. Ein Auftritt
von Franz-Josef Strauß in Heilbronn war der Anlaß – und da ging es um
einige Äußerungen von F. J. S., deren Abdruck angeblich eine Klageandrohung
durch Sozialdemokraten mit sich gebracht hätten. Sagte man damals. Ob es so
stimmt, das weiß heute so recht kaum jemand. Nur die geschwärzten Zeilen
bleiben – im Archiv anzuschauen.
Dritter
Chefredakteur der Stimme wurde dann ab 1981 Werner Thunert. Dieser Mann
war ein Gewächs der Landschaft. Er kannte Land und Leute in all ihren
Auslotungen, Flachheiten, Tiefen und Höhen. Er hatte bei der Stimme volontiert,
wurde 1958 Lokalchef, machte sich einen Namen durch seine Kolumne „Aus meinem
Notizbuch“ – war volksnah und distanziert zugleich. Ein Publizist und
Blattmacher, der gefürchtet war in dieser Stadt und weit darüber hinaus, weil
er vieles beim Namen nannte, was ansonsten nur im Hinterzimmer bei angeblichen
oder sogenannten Geheimgesprächen, mit vorgehaltener Hand geflüstert wurde.
Teilweise
erklärten die vielen Gegner Werner Thunert zum mächtigsten Mann im
Käthchenstädtchen, ja sogar zum eigentlichen Oberbürgermeister – zum Landvogt
wie in Schillers „Wilhelm Tell“. Wer es sich mit ihm verscherzt, der sei
abgemeldet – so wurde mir noch in den siebziger Jahren erzählt. Als er dann
1989 ganz überraschend starb, waren viele dieser obrigkeitsgläubigen
Zeitgenossen verwundert, daß die Zeitung „Heilbronner Stimme“ weiterlebte,
weiterhin diese Macht hatte – und das Machtzentrum Thunert offenbar nicht
annähernd jene Ausmaße besaß, die ihm unterstellt und angedichtet worden waren.
Nachfolger
von Werner Thunert als vierter im Bunde wurde der Neffe des jetzigen
Herausgebers Frank Distelbarth. Dr. Werner Distelbarth, der erste
promovierte Chefredakteur der „Heilbronner Stimme“, volontierte bei der Stimme,
arbeitete dann bei der Südwestpresse in Ulm als Redakteur und später als
Politikchef im Hause „Heilbronner Stimme“. Er war ein stiller Mann, der leise
für seine mehr weicheren, humanen, ökologischen und die Welt verbessernden
Ziele eintrat – und ganz überraschend am 7. Januar 1994 durch Selbstmord aus
dem Leben schied. Ein langanhaltendes Tagesgespräch in dieser Stadt, mit vielen
abstrusen, halbwahren und anderen sich um den Tod rankenden Geschichten – wie
Sie sich erinnern werden. Die Nachwirkungen von Gerüchten und Tratsch sind
teilweise bis heute noch zu spüren.
Im
gleichen Jahr tritt am 1. September 1994
Dr. Wolfgang Bok die Nachfolge an – der erste Mann auf dem
Chefredakteursstuhl, der nicht aus dem Hause kommt. Bok, 1957 geboren, war zu
Beginn der achtziger Jahre kurze Zeit Mitglied der Politikredaktion in der
„Heilbronner Stimme“, danach in Karlsruhe bei den „Badischen Neuesten
Nachrichten“ und später bei den „Stuttgarter Nachrichten“ als Politikredakteur
tätig. Viele medieninteressierte Menschen im Unterland nehmen gelegentlich an,
vermuten gar, daß der Posten des Chefredakteurs einer Regionalzeitung nicht das
Endziel dieses ehrgeizigen, noch recht jungen Mannes aus der Landeshauptstadt
Stuttgart sein dürfte. Schließlich kommt er ja aus einem Hause, das von der
Ludwigshafener „Rheinpfalz“ entscheidend mitregiert wird.
Die Monopolversucher
Es
gab in den ersten Nachkriegsjahren einige Versuche, das Monopol der Heilbronner
Stimme zu brechen. Das „Neckar Echo“, 1933 verboten durch die Nazis, kommt erst
1949 zum zweiten Mal heraus. Aber da ist der Markt schon „verloffe“ – wie es im
Schwäbischen heißt. Wer eine Vorlaufzeit von rund vier Jahren wie die Stimme
besitzt, gegen den gibt es keine ernsthafte Konkurrenz mehr in dem
wiedererwachenden Wirtschaftsraum Heilbronn. 1967 muß das „Neckar Echo“ wegen
mangelnder Nachfrage sein Erscheinen einstellen. Parteiblätter haben als
Tageszeitung in der jungen Bundesrepublik kaum eine Chance. Höchstens als
Mitgliederzeitschrift, wie sich heute – auch bei der SPD mit dem „Vorwärts“ –
zeigt.
Wer
in unseren Tagen als Konkurrent zur Tageszeitung im Medienmarkt überleben will,
kann entweder ebenfalls eine Tageszeitung aufmachen, was einem finanziellen
Selbstmord gleichkäme, oder sucht sich eine Nische in der Zeitungslandschaft.
Anzeigenblatt heißt zu Beginn der siebziger Jahre das Zauberwort, auch in
Heilbronn. 1972 wird das „Heilbronn Magazin“ gegründet, das ab 1973 „Unterland
Magazin“ heißt. Eine Mischung aus Illustrierter und Werbeblatt, das der
ehemalige Heilbronner-Stimme-Redakteur und Werbekaufmann Rudi Fritz
zusammen mit dem Druckhaus Schwaben herausgibt. Die Richtung ist klar: Der
SPD-Stadtrat Rudi Fritz und das zur Konzentration GmbH, also zur SPD gehörende
Druckhaus Schwaben, suchen Anschluß an den neuen Printmedienmarkt, nachdem das
„Neckar Echo“ so sang- und klanglos vom Markt verschwunden ist. 1976 wird auch
dieser Versuch eingestellt.
Zweites
Anzeigenblatt auf dem Markt ist der “Neckar Express“ – seit dem 13. September
1973. Bis 1979 erschien dieses Blatt alle zwei Wochen donnerstags, danach
wöchentlich, zunächst donnerstags, heute mittwochs. Die Auflage steigerte sich
von zunächst 85.000 im Jahre 1973, auf heute 157.000 Exemplare. Als der
Verleger Dieter Krauss 1975 ins Blatt einstieg, da dachte er bestimmt
nicht daran, daß er und seine Familie im Jahre 1998 das 25jährige Jubiläum des
Neckar Express feiern sollen. Denn erst nach einigem Hin und Her hatte die Familie
Krauss ab 1976 allein das Sagen im Anzeigenblatt „Neckar Express“ – und damit
begann ein ungeahnter Aufstieg dieses Anzeigenblatts.
Schritt
für Schritt – ganz leise und kontinuierlich. Heute, nach 24 Jahren Geschichte
des „Neckar Express“ in Heilbronn und im Unterland, wird dieser Aufstieg und
diese Leistung oft neidvoll als ein publizistisches Wagnis, ja sogar als
Meisterstück bezeichnet. Vor allem, wenn man bedenkt, daß sich der „Neckar
Express“ gegen die übermächtige Konkurrenz der Monopolzeitung solange
erfolgreich behauptet hat. Denn in vielen anderen vergleichbaren Städten hat
die Monopoltageszeitung das jeweils am Ort ansässige Anzeigenblatt schon längst
geschluckt.
Viele
fragen sich: Was macht nun den Erfolg des “Neckar Express“ aus? Zunächst
einmal: Die „Stimme“ hat kein vergleichbares Produkt vorzuweisen. Und zweitens:
Der Verlag Neckar Express hat es fast immer verstanden, einen angemessenen
Anteil des Blattes für die Redaktion zur Verfügung zu stellen. Und diese
Redaktion – so ist es seit dem 1. Juli 1995 festgelegt – muß einen möglichst
eigenständigen, unverwechselbaren Charakter in ihrer Berichterstattung
aufweisen. Sie muß sich von den anderen Medien im Erscheinungsraum deutlich
unterscheiden, darf der Tageszeitung und dem Rundfunk nicht in puncto
Aktualität hinterherlaufen. Und sie muß immer wieder dem Vorurteil begegnen,
der „Neckar-Esel“ – so hieß im Jahre 1889 die „Heilbronner Narrenzeitung“ und
so wird das Blättle „Neckar Express“ heute oft im Volksmund genannt – sei halt
„nur“ ein Anzeigenblatt.
Daß
der „Neckar Express“ nicht nur ein „Anzeigenfriedhof“, ein billiges
Anzeigenblatt sein soll, sondern eine ernstzunehmende Wochenzeitung, das war
und ist das Ziel der Verlagsleitung und der Redaktion. Ob es erreicht wurde und
wird, entscheiden allein die Leser und Kunden. 24 Jahre Verlagsgeschichte und
die Vehemenz der Leserreaktionen auf die wöchentlichen Bemerkungen zum Beispiel
des „Kiliansmännles“, die ich täglich am
eigenen Leib in der Redaktion zu verspüren bekomme, haben da schon einige
positive Aussagekraft. Ich meine: eine positive.
Zweites
Anzeigenblatt im
Unterland ist der „Tip der Woche“ aus dem Hause Lidl und Schwarz, jenem
großen deutschen Handelskonzern, der seinen Sitz in Neckarsulm hat. Im Raum
Heilbronn und Ludwigsburg erscheint der „Tip“ wöchentlich in einer Auflage von
rund 250.000 Exemplaren. Bundesweit sollen die Anzeigenblätter aus diesem Hause
eine Auflage von zwei Millionen wöchentlich haben. Jene Druckhäuser, die diese
Blätter über ihre Maschinen laufen lassen dürfen, haben gute Aufträge. Die
„Heilbronner Stimme“ gehört noch nicht dazu.
Ein
weiteres Anzeigenblatt bei uns im Unterland ist der „Moritz“, eine
Szene-Zeitschrift, die sich „Stadtmagazin für die Regionen Heilbronn und
Ludwigsburg“ nennt und allmonatlich in einer Auslage von 30.000 Exemplaren an
Tankstellen und in Einzelhandelsgeschäften kostenlos ausliegt. Zu haben ist das
Blatt darüber hinaus im Neckar-Odenwald-Kreis in einer Auflage von 10.000
Exemplaren und in Hohenlohe mit 15.000 Exemplaren. Auflage insgesamt 55.000
Exemplare. Eine Zeitschrift für die Jugend – wie es sie in nahezu jeder
Großstadt gibt.
Zwei
andere Szeneblätter
kämpfen gegen den Marktführer „Moritz“: das „Freizeitjournal“ (Auflage
monatlich 30.000 Exemplare) und „Ebbes“ (Auflage ebenfalls 30.000 Exemplare).
Während „Moritz“ und „Ebbes“ Unterländer Gewächse sind, wird das
„Freizeitjournal“ vom Verlag Multisell in Helmstedt herausgegeben. Die Frage lautet jetzt: Tragen sich bei uns
in der Region die drei Blätter dieser Machart – oder kommt es demnächst zu
einer Bereinigung auf diesem ganz speziellen Markt.
Neu
auf dem regionalen Medienmarkt seit dem Frühjahr 1997 ist aus dem Hause „Neckar
Express“ das vielumstrittene Frauenmagazin „Azzurra“, das an 30.000
ausgesuchte Haushalte im Stadt- und Landkreis Heilbronn monatlich kostenlos
verteilt wird. Die „Frau im besseren Wohngebiet“ – so heißt es – wird damit
angesprochen. Eine Konzeption, die es nur zweimal bisher in Deutschland gibt.
Allerdings ist das Blatt erst vier Ausgaben alt. Man muß also sehen, wie das
Experiment weiter verläuft. Mutig war es auf jeden Fall, in Zeiten des
Anzeigen- und Auflagenrückgangs bei klassischen Frauenzeitschriften sich einem
regionalen Blatt dieser Machart kostenintensiv zuzuwenden.
Berichtet
wird aus Heilbronn und der Region auch noch von Korrespondentenbüros
verschiedener Tageszeitungen in Baden-Württemberg. So hat die
auflagenstärkste Zeitung des Landes, die „Südwestpresse“ aus Ulm ihr
Heilbronner Büro in Untergruppenbach. Korrespondent ist der ehemalige
Stimme-Redakteur Hans-Georg Frank. Die „Stuttgarter Zeitung“ besitzt ein
Büro in Leingarten. Ihr Korrespondent ist Wieland Schmid, dessen Artikel
in der Zeitung aus der Landeshauptstadt für Baden-Württemberg in den
Rathäusern, Amtsstuben, Parteien, Verbänden, Industrie und Handwerk gefürchtet
sind. Die „Rhein-Neckar-Zeitung“ aus Heidelberg betreut den Raum Heilbronn über
ihre Redaktion in Sinsheim. Ihr Korrespondentenbüro in Heilbronn, das einst von
Karl Kist geleitet wurde, hat sie
schon seit Jahren aufegegeben.
Elektronische Medien
Das
Radio ist, so wurde
vielfach angemerkt, nach der Zeitung die zweite Kommunikationsrevolution seit
der Aufklärung; die dritte: das Fernsehen. Die immer noch anhaltende Karriere
des Radios in der Gunst des Publikums dürfte darin begründet sein, daß das
Radio schneller als das Fernsehen und unmittelbarer als die Tageszeitung sein
kann. Es gibt für den Radiomacher in der Berichterstattung eine breite Vielfalt
von Sendeformen, um aktuelle Informationen an den Hörer zu bringen.
Ortsunabhängig kann nahezu jeder diese Informationen bei den unterschiedlichsten
Gelegenheiten empfangen.
Die
Einschränkung bei all diesen vielen Vorteilen: Radio ist ein Medium des
momentanen Konsums. Im Kontrast zur gedruckten Information ist der
Sendeinhalt vollkommen dem augenblicklichen Empfinden und der Rezipierfähigkeit
des Konsumenten ausgeliefert. Kaum etwas ist wiederholbar, nichts nachlesbar.
Es gilt: Wer beim Hörer ankommen will, muß sich etwas einfallen lassen.
Oder
anders mit dem Kirchenvater Augustinus gesagt: "Wenn Du etwas sagst,
und der andere versteht Dich nicht, dann hast Du es nicht gesagt." – Und der Hörer schaltet ab oder einen
anderen Sender ein. Heute mit der vorhandenen Technik im Autoradio oder den
HiFi-Anlagen leicht zu bewerkstelligen. Ansonsten gilt der alte
Mediengrundsatz: „Wer schreibt, der bleibt.“ Hörfunkleuten wird dieser
Satz immer wieder schmerzlich bewußt, wenn es um die Verbreitung und Akzeptanz
ihrer Beiträge beim Hörer geht.
Das
neue Zeitalter der
elektronischen Medien ist in den vergangenen Monaten in Heilbronn 24 Jahre alt
geworden. Am 1. April 1973 zog der Süddeutsche Rundfunk ins damals frisch
eröffnete Shoppinghochhaus an der Allee 40 ein. Ein von der Geschichte gepägter
Medienstandort für Heilbronn. Ein Zulieferer-Studio war dieser regionale
Südfunk. Beiträge für die drei Hörfunksender des Südfunks wurden angefertigt –
und falls notwendig, auch für andere ARD-Hörfunksender.
Nebenbei
bemerkt: Ich war damals der erste Hospitant in diesem neuen Südfunk-Studio, das
von Werner Kieser geleitet wurde – und neben einem Redakteur, einem
Techniker noch eine Sekretärin beschäftigte. Heute arbeiten im Südfunk-Studio
auf einer 600 Quadratmeter großen Fläche in der Allee 40, also im Shoppinghaus,
28 Mitarbeiter (18 im Programm, fünf in der Technik, vier im Sekretariat und
einer fürs Fernsehen) unter dem Studiochef und Redaktionsleiter des
Frankenradios Lutz Wagner. Nach rund zehn Jahren Südfunk-Studio
Heilbronn begann man 1983 beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart – angesichts
der sich abzeichnenden Möglichkeiten für die Lizensierung von
Privathörfunksendern im Lande Baden-Württemberg – eine Überlegung härter zu
formulieren, die schon lange in der Schublade der Rundfunk-Bürokratie lag: die
Regionalisierung des Süddeutschen Rundfunks im Bereich Hörfunk.
Anläßlich
der Landesgartenschau 1985 in Heilbronn wurde das „Frankenradio“ aus der
Taufe gehoben, sendete vom 26. Mai bis 8. September täglich rund eine Stunde
auf einer Mittelwellenfrequenz und auf einer kleinen UKW-Frequenz rund um
Heilbronn. Nach der Gartenschau verschwand dieses Regionalradio wieder aus den
Hörkanälen der Rundfunkempfänger. Aufgrund der medienpolitischen Situation –
wie es offiziell vom Südfunk damals hieß.
Erst
am 28. Oktober 1987
bekam diese öffentlich-rechtliche regionale Schiene wieder eine Chance, das
heißt eine eigene UKW-Frequenz. Morgens und mittags wird an Werktagen jeweils
eine Stunde auf UKW 99,5 MHz ausgestrahlt. Eine Zeit des ungleichen Kampfes um
die Hörer. Denn der erste Privathörfunksender der Region ist seit November 1987
in aller Munde und sendet mit voller Power.
Aber
seit dem 1. Januar 1991
erhält das Frankenradio Heilbronn mit dem neuen Programm „S4 Baden-Württemberg“
die Basis für eine umfassende regionale Berichterstattung über den ganzen Tag
hinweg. Mit vier weiteren Regionalstudios in Württemberg und Regionalstudios
des Südwestfunks Baden-Baden wird das vierte Hörfunkprogramm „S4“, ein
landesweiter Hörfunksender, der vom Süddeutschen Rundfunk und vom Südwestfunk
gemeinsam produziert wird. Das „Frankenradio“ auf dieser S4-Schiene hat im
Gesamtprogramm bestimmte Fenster, die es mit Musikwunsch-Sendungen und
Magazinen sowie Nachrichten zur halben Stunde aus der Region Franken füllt.
Damals
– im Jahre 1985
breitete sich so etwas wie eine Goldgräberstimmung im Lande in Bezug auf die
elektronischen Medien aus, die offensichtlich bis heute teilweise anhält. Alle
wollen bei der Verteilung des Radio- und Fernsehkuchens dabei sein, jeder will ein
Stück von der großen bunten Torte haben
– aber nur wenige werden dieses Stück wirklich erhalten und auch bewahren
können, wie die Geschichte der letzten Jahre deutlich zeigt.
Fernsehen
in der Region? Die
„Heilbronner Stimme“ hatte zur Landesgartenschau 1985 den
tele-Verbund-Heilbronn gegründet, der live auf dem Gartenschaugelände Fernsehen
produzierte, das aber nur für die Besucher der Gartenschau entweder auf
Monitoren oder im Zelt live zu sehen war. Nach diesem Experiment ließ man die
Finger vom lokalen oder regionalen Fernsehen, das offenbar ein Schuß in den
Ofen war – und bis heute hat sich niemand mehr drangewagt. Jene in den
Ballungszentren mit ihrem lokalen oder regionalen Fernsehprogramm
experimentieren immer noch heftig. Die Heilbronner Stimme wandte sich nach
diesem Flop dem privaten Hörfunk zu.
Privates Radio für die
Region
Dank
des ersten Landesmediengesetzes, bei dem 30 Lokalsender und 25
Regionalsender in Baden-Württemberg von der extra geschaffenen Landesanstalt
für Kommunikation LfK in Stuttgart lizensiert werden sollten, konnte die Stimme
nach einem halben Jahr Übungsphase im Gewo-Haus in der Paulinenstraße am 25.
November 1987 mit dem ersten Privatsender für die Region Franken starten.
„Radio Regional“ sendete aus dem vierten und fünften Stock des
Heilbronner-Stimme-Hochhauses ein Programm für eine Region zwischen Crailsheim
und Bruchsal, Ludwigsburg und Würzburg – dank zweier starker Sender, dem in
Heilbronn auf dem Schweinsbergturm mit den Frequenz 103,2 MHz mit 25 Kilowatt
und dem in Langenburg mit der Frequenz 100,1 MHz mit 50 Kilowatt.
Träger
des Senders waren
vornehmlich die Tageszeitungen der Region – an ihrer Spitze die „Heilbronner
Stimme“. Sie hatte auch das Sagen, stellte den Geschäftsführer, der in
Personalunion der Verleger der Stimme, Frank Distelbarth, war. Und die
Tageszeitung Heilbronner Stimme hatte von den anderen Gesellschaftern auch den
Auftrag erhalten, in ihrem Hause Radio herzustellen, mit einer Abteilung des
Medienhauses Heilbronner Stimme.
Chef
dieses Medienhauses,
was den journalistischen Teil anbetraf, war Werner Thunert, der
„Gesamtmedienbeauftragte“, der aber weiterhin in erster Linie Chefredakteur der
Tageszeitung war. Die Radiomannschaft, Redakteure, Moderatoren, Sekretärinnen,
Marketingabteilung – alle waren Teil der Heilbronner Stimme, die Redaktion wie
gesagt ein Abteilung der Zeitung.
Demzufolge
wurde auch ein Mann der Zeitung Hörfunkleiter, ein Mann aus dem Hause, nämlich Hans
Georg Grimm, der stellvertretende Chefredakteur und Chef vom Dienst der
Tageszeitung. Der Sender hatte in den ersten Jahren große Erfolge zu verbuchen,
vor allem im Kernsendegebiet schlug er offenbar lässig die bis dahin bewährten
Südfunk-Sender. So die Ergebnisse der ersten Umfragen.
Aber
als es nach dem Auslaufen der Lizenz 1994 zu einer Neustrukturierung des
privaten Rundfunks im Südwesten kam, gab es auf einmal nur noch drei
Bereichssender und 15 Lokalsender. Da hatte die „Heilbronner Stimme“ mit ihrer
Radio-Regional-Gesellschaft das Nachsehen. Es waren zu viele Tageszeitungsverleger
Gesellschafter bei „Radio Regional Heilbronn“, bemängelten die LfK-Leute.
Deshalb hatten die Gesellschafter des anderen Regionalsenders in der Region,
„Radio TON“ aus Bad Mergentheim, 51 Prozent der Anteile am neuen „Lokalsender“
und die Gesellschafter von „Radio Regional“ nur 49 Prozent erhalten. Die
„Heilbronner Stimme“ besitzt demnach lediglich noch rund 25 Prozent der
Gesellschafteranteile am neuen Lokalsender „Radio TON Regional“.
Bezeichnend
für den Ärger, der
dadurch im Hause „Heilbronner Stimme“ entstanden war, eines Unternehmens, das
sich über Jahre hinweg als modernes „Medienhaus“ mit vielen verschiedenen
Abteilungen verstanden hatte, ist der Satz des Verlegers der „Heilbronner
Stimme“, Frank Distelbarth, bei der Einweihung des neues Druckhauses in
der Austraße, als er in Anwesenheit der Ministerpräsidenten Erwin Teufel
gezielt feststellte: Die negativen Lizenzverhandlungen um „Radio Regional“, das
zu den bekanntesten und erfolgreichsten Privatsendern in Baden-Württemberg
gehörte, sei ein wahres Lehrstück an perfider Pressefeindlichkeit. Distelbarth
sprach sogar von einem echten politischen Skandal. Denn ihm sei durch die
Lizenzverweigerung „Radio Regional“ förmlich aus der Hand geschlagen worden.
Die
baden-württembergische Politik
– ob links oder rechts, liberal, schwarz, rot oder grün – sieht das
verständlicherweise anders. Und die Landesanstalt für Kommunikation in
Stuttgart ist sich keiner Schuld bewußt. Man habe gesetzestreu die Lizenzen
vergeben. Und es gab dagegen keine Klagen – auch nicht von der „Heilbronner
Stimme“. Warum also regt sich der Herr Distelbarth so auf? Fragten sich die
Damen und Herren in der Landeshauptstadt. Er hätte es schließlich so machen
können, wie andere Verleger auch: mehr Anteilseignern aus anderen Bereichen der
Wirtschaft statt aus den Tageszeitungsverlagen seine Lizenznehmergesellschaft
öffnen.
Es
wären in Heilbronn genügend Unternehmer bereit gewesen, sich als stille
Gesellschafter bei „Radio Regional“ zu beteiligen. Sagen einige Kenner der
Materie. Viele große und kleine Unternehmen wären Gewehr bei Fuß gestanden. Die
Herren aus der Industrie- und Handelskammer Heilbronn können ganze Arien davon
singen. Inwieweit hier reine Managementfehler vorliegen – darüber streiten
derzeit einige Experten noch. Andere nicht. Und sagen: die Verleger wollten
damals unter sich bleiben – hätten die politische und rechtliche Lage völlig
falsch eingeschätzt.
Signifikant
ist in der Folge für
den neuen Sender der fliegende Wechsel bei den Geschäftsführern: Im Herbst 1994
ging „Radio Regional“ im neuen Flächenlokalsender „Radio TON Regional“ auf.
Nach Frank Distelbarth folgte ein Übergangsgeschäftsführer Christian
Frietzsch, dann ein Mann namens Edwin Ferring aus Bayern und seit
jetzt mehr als einem Jahr hat eine Frau, Christine Winkelmann, aus dem
Norden der Republik das Ruder übernommen. Das hat den Ruf des Privat-Radios
nicht unbedingt verbessert, das Vertrauen der Kunden zunächst auch ein wenig
durcheinandergewirbelt.Kiese
Jetzt
scheint aber wieder Ruhe eingekehrt
zu sein. Auch wenn Privatradio derzeit oftmals mehr zugunsten der Verpackung
die seriösen Informationen hinten an stellt. Scherzhaft werden die Radiomacher
auch Losbudenverkäufer genannt. Privatradio hat heute offenbar mehr mit Rummel
als mit Informationsvermittlung zu tun.
In
diesen Tagen existieren in Baden-Württemberg 14 Lokalsender und drei
Bereichssender – „Radio 7 Ulm“, „Antenne 1 Stuttgart“ und „Radio Regenbogen
Mannheim“. „Regenbogen“ und „Antenne 1“ können bei uns im Raum gut empfangen
werden. „Radio Regional“ und „Radio TON“, die beiden früheren Regionalsender
wurden verschmolzen, zunächst zum Flächen-Lokalsender „Radio TON Regional“.
Heute hat man die Schleier abgelegt: Die Machtverhältnisse sind deutlich
gemacht worden, es regiert wieder allein der Name „Radio TON“. Und damit sind
auch die Mehrheitsverhältnisse klar gekennzeichnet.
Das
„Stadtradio Heilbronn“
spielte in der ersten Lizensierungsphase nahezu keine Rolle. Nach wenigen
Jahren des Dahinvegetierens und Darbens verschwand dieser qualvolle
Radioversuch sang- und klanglos vom Markt.
„Radio
TON“ und das „Frankenradio“
sind übriggeblieben im regionalen Hörfunk-Konzert. Das private Radio mit einer
Musikfarbe, die Hörer bis zu 45 oder 50 animieren soll. Das
öffentlich-rechtliche Regionalradio will offenbar musikalisch Hörer ab 50 Jahre
erreichen. Was den Bereich „Wort“ anbelangt, also die Berichterstattung aus der
Region, da sei Lutz Wagner, der Studioleiter in Heilbronn, zitiert: Er
sieht sein Hörfunk-Programm im Frankenradio als einzige ernsthafte
publizistische Klammer, neben den Tageszeitungen, in der Region – vor allem
seit „Radio Regional“ vom Markt verschwunden ist.
Das
Layout im Radio, die sogenannte Formatierung, steht derzeit vor allem bei den
privaten Sendern im Vordergrund. Aber Layout allein macht noch keine
interessante Sendung. Das haben die großen privaten Fernsehsender nach wenigen
Jahren schon zu spüren bekommen und mit viel Aufwand und Geld ihren
Berichterstattung in den Nachrichten und Magazinen ausgebaut – um die Meinungsführer,
die entscheidenden Leute in der Gesellschaft, unter ihren Zuschauern zu binden.
Und das werden die privaten Hörfunksender ebenfalls noch lernen – die neuesten
Umfragen, die neuen Ergebnisse Media-Analyse werden in wenigen Tagen zeigen,
wohin die Reise im privaten und öffentlich-rechtlichen Hörfunk geht.
Das
„Frankenradio“ – soviel steht bisher fest – baut offenbar seine Hörerakzeptanz
aus. Trotz der nicht gerade stringenten Formatierung. Und „Radio TON“ bleibt so
stabil wie es war.
Nochmals
zu den Kosten der öffentlich-rechtlichen Sender: Die „ARD“ hat jetzt – im Juni 1997 –
festgestellt, daß sie ein Defizit von 913,8 Millionen Mark bis zum Jahr 2000
haben wird. Und auch das „ZDF“ teilte einen Haushaltsfehlbetrag für die
laufende Gebührenperiode mit. Bis zum Jahr 2000 belaufe sich das Defizit auf
116 Millionen Mark. Das „ZDF“, das über einen Jahresetat von 2,75 Milliarden
Mark verfügt, hat bereits Schulden in Höhe von 280 Millionen Mark. Nach der
geplanten Rückzahlung, so ein Sprecher des „ZDF“, werde bis zur
Jahrtausendwende ein neuer Fehlbetrag entstehen. Erst Anfang des Jahres waren
die Rundfunkgebühren für die Öffentlich-Rechtlichen um 4,45 auf 28,25 Mark im
Monat angehoben worden.
Wohin geht die Reise?
Nichts
ist also mehr so, wie ich es vor mehr als zwanzig Jahren zu Beginn meiner
ersten journalistischen Schritte in Heilbronn und der Region angetroffen habe.
Und die Veränderungen halten an. Ja, das Tempo beschleunigt sich noch, dank der
sich in rasenden Schritten weiter entwickelnden Technik. Sie gibt heute den
Takt an, nicht das publizistische Wollen der Politiker oder der Unternehmer.
Wohin
geht die Medienreise hier in der Region? Viele Kritiker beschwören zur Zeit die
Überflutung, die Überreizung der Menschen durch zu viele Angebote seitens der
Medien. Andere halten dem entgegen: Jeder hat die Möglichkeit auszusuchen, was
ihm behagt. Der Markt ist bei Hörfunk und Fernsehen sicherlich breiter
geworden, so wie er im Printmedienbereich schon immer war. Wer heute eine
spezielle Zeitschrift möchte, zum Beispiel eine Kulturzeitschrift, bekommt
diese nur einmal im Monat und dann zu einem Preis zwischen 15 und 30 Mark.
Offensichtlich lohnt sich das für den Verleger und für den Leser. Eine
Marktlücke wird erkannt und ausgefüllt. Und selbst in dieser Nische existiert
noch eine rege Konkurrenz.
Im
Fernsehprogramm-Markt könnte die Entwicklung in eine ähnliche Richtung gehen.
Wir haben ja schon das Boulevard-Fernsehen bei „RTL“ und „Sat1“. Ein privates
Fernseh-Regional-Programm ist nicht am Horizont erkennbar – auch wenn es
Experimente in einigen Städten in dieser Richtung gibt. Und auf dem
Hörfunkmarkt bei uns in der Region wird es in Zukunft, wie schon beim
öffentlich-rechtlichen Programm „S4“, rein aus Kostengründen zu einem
Zusammenschluß der privaten Lokalsender oder der Bereichssender kommen müssen –
mit Fenstern, in denen dann die regionalen Informationen aufbereitet werden.
Das
Mantelprogramm wird landesweit produziert werden. Nordrhein-Westfalen hat hier
in Ansätzen gezeigt, wie man es machen kann, so daß es für alle Beteiligten
einigermaßen zufriedenstellend funktioniert. Aber auch hier ist das einst
gelobte Modell auf die schiefe Bahn und ins Stottern geraten. Der private
Rundfunk in NRW ist nach einigen Jahren des munteren Aufbaus jetzt in erhebliche
Turbulenzen geraten. Ein Gewürge, das bei uns im Lande Alltag bei den privaten
Hörfunksendern scheint.
Viel
entscheidender für die Zukunft ist der neue große öffentlich-rechtliche Sender
„Südwestrundfunk“, der ab 1. Januar 1998 im Südwesten entstehen wird. Der
Zusammenschluß von Süddeutschem Rundfunk in Stuttgart und Südwestfunk in
Baden-Baden zum zweitgrößten ARD-Sender in der Bundesrepublik Deutschland wird
die Medienpolitik im Lande erheblich verändern.
Der
neue Sender „Südwestrundfunk“, mit einem Nettogebührenaufkommen von 1,6
Milliarden Mark und über 4.200 Beschäftigten, wird in Baden-Württemberg und
Rheinland-Pfalz zum 30. September 1998 endgültig die beiden aus der
Besatzungszeit stammenden Sender „SDR“ und „SWF“ ablösen. Einsparungen werden
dabei vorläufig nicht im Vordergrund stehen – wie bei einem solch
öffentlich-rechtlichen Unternehmen zu erwarten war. Dafür gibt es zuviel
Besitzstandsdenken in Politik und in den Häusern selbst. Also keine Senkung der
Rundfunkgebühren. Im Gegenteil.
Die
Regionalisierung soll im „SWR“ weiter ausgebaut werden – sowohl im Hörfunk als
auch im Fernsehen. Allerdings sind im jetzt unterzeichneten Staatsvertrag die
Anzahl der Programme festgeschrieben. Aber dank neuer Techniken und
Übertragungswege gibt es da auch noch Möglichkeiten, solche Bestimmungen
leicht zu umgehen.
Medienkosten
Kosten
im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ließen sich sparen – sicherlich. Die
Fernsehprogramme „Phoenix“ und „Arte“, die offenbar kein Mensch braucht, wenn
die öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme ihre Aufgabe richtig erfüllen,
werden eingestellt, die Dritten Fernsehprogramme auf Regionalniveau, das ihnen
zusteht, zurückgestutzt und nicht mehr international verbreitet. Teure
Spielfilme und Sportveranstaltungen überläßt man gleich den Privaten und treibt
nicht mit Gebührengeld die Preise immer weiter in die Höhe. Drei
öffentlich-rechtliche Hörfunkprogramme pro Anstalt statt derer fünf reichen
aus: Damit müßten spezifische und allgemeine Informations- und
Unterhaltungsbedürfnisse zu befriedigen sein. Das wäre eine Reform. Die
Realität in unseren Tagen ist aber noch eine ganz andere.
Was
wir jetzt im Südwesten mit dem „SWR“ bekommen, ist nur der Ansatz, ein
Reförmchen. Bisher ohne planbare Einspareffekte konstruiert. Der Medienkonsum
ist teuer – und wird immer teurer. Um die 30 Mark Rundfunkgebühren und 35 Mark
für die Tageszeitung. Da sind wir mit der Illustrierten schnell bei 70 Mark
angelangt. Medienhungrige kommen lässig im Monat an die zweihundert Mark – mit
Verkabelung, Internet und anderen Diensten können es sogar 500 Mark für den
Medienkonsum sein. Telefongebühren noch nicht mitgerechnet.
Ein
durchschnittlicher Haushalt
kann sich diese Kosten – neben all den anderen, die ständig steigen – kaum mehr leisten und kappt. Rundfunk- und
Fernsehen können nicht gekündigt werden – wenn man Geräte zum Empfang sein
eigen nennt. So ist die Rechtslage. Auf diesen Empfang will auch kaum jemand
verzichten. Aber bei Zeitschriften oder Tageszeitung sieht es ganz anders aus.
Die kann man leicht abbestellen. Oder man sucht genauer aus.
Da
gibt es viele Möglichkeiten.
Zwei oder drei Haushalte lesen zusammen eine Tageszeitung. Man kauft die
Zeitung nur an bestimmten Tagen der Woche. Oder aber man abonniert überhaupt
keine Zeitung. Beläßt es im Medienkonsum bei den Anzeigenblättern, den
regionalen Hörfunksendern und dem Fernsehen. Man ist preiswert, aber nicht
umfassend durch Printmedien informiert. Für die „Grundversorgung“ hat man ja
die öffentlich-rechtlichen Hörfunk- und Fernsehsender. Viele gehen offenbar
schon diesen Weg.
Und
die Tageszeitung? Wie
reagiert sie auf die neuen Herausforderungen, auf die Revolution im
Medienmarkt? Die Einnahmen aus den Anzeigen stagnieren bei den Tageszeitungen
in Baden-Württemberg. Oder sinken teilweise schon – Jahr um Jahr. Die
Abonnentenzahlen sind auch nicht erweiterbar. Im Gegenteil: Sie schrumpfen
leicht. Und gleichzeitig muß in neue Technik investiert werden. Das verlangen
die Leser und die Anzeigenkunden.
Es
müssen also neue Strategien entwickelt werden, um den Leser als Kunden zu binden. Die Geschenke für
einen neuen Abonnenten werden immer prächtiger. Handys, wertvolle Koffersets,
Stereoanlagen, Kameras, Küchen und Bohrmaschinen – und vieles andere mehr. Die
„Stuttgarter Zeitung“ bietet sogar jetzt
an, die Zeitung kostenlos ein halbes Jahr zu liefern, wenn der Werber auf sein
Geschenk verzichtet. Man kann das Geld aber auch – gegen Spendenquittung –
einem guten Zweck zukommen lassen.
Die
Tageszeitung „Die Welt“
hat – bisher nur für Studenten – ein Bonsystem entwickelt. Man kauft die
Zeitung dann am Kiosk, wenn man glaubt, sie lesen zu müssen. In Amerika wird
das Wochenend- oder das Halbwochen-Abonnement angeboten.
Leserreisen, Verlosungsaktionen und vieles andere
mehr an Public-Relations-Aktionen sollen die Leser Blatt-Bindung auch
noch verstärken. Letztlich aber kommt es darauf nicht an. Denn der Verlag kann
dem potentiellen Leser die Zeitung nicht kostenlos täglich anbieten. Der Kunde
muß Vertrauen zum Produkt „Zeitung“ haben, muß sich auf sie verlassen können,
muß sie mögen.
Gute Zeitung?
Wie
sieht die Liste der Eigenschaften einer guten Zeitung aus? Fragen sich viele, wenn sie auswählen
müssen. Kluge Köpfe sind zu folgenden Ergebnissen gekommen:
–
Beständigkeit in der Berichterstattung statt Schnappschüsse.
–
Gute Zeitungen sollen aggressiv untersuchen, was Interessenten dem Publikum
verbergen wollen.
–
Investigativer Journalismus muß nicht unbedingt gemein-aggressiv sein, sondern
erkundet gründlich schwierige Sachverhalte und erklärt die Zusammenhänge.
Allerdings
ist das in unseren Zeiten der schnellen Technik sehr schwierig. Wofür der
Journalist früher teilweise Tage oder Wochen Zeit hatte, das muß er heute
möglichst an einem Tag erledigen.
Weitere
Kennzeichen: Gute
Zeitungen sind fair, vor allem wenn Persönlichkeitsrechte tangiert sind.
Aufrichtigkeit ist ein weiteres Merkmal. Die Berichterstattung einer guten
Zeitung wird sich gelegentlich irren – aber das Vertrauen des Lesers geht
deshalb nicht verloren, wenn er bemerkt, daß die Redaktion sich korrigiert.
Selbstverständlich
darf die Zeitung nichts erfinden
– und auch unbestreitbar richtige Nachrichten nicht so „massieren“, daß dem
Leser die andere Seite des Falls vorenthalten oder verdunkelt wird. Zu einer
guten Zeitung gehört auch die „Subkultur“ der Redaktion: Chefredakteure oder
Herausgeber sollten sich davor hüten, ein Klima zu erzeugen, in dem junge
Kollegen anfangen, sich zu überlegen, welche Berichte im eigenen Hause gern
gelesen werden – und welche ihr Fortkommen behindern.
Das
ist hehr gefordert.
Aber in unseren Zeiten sollte an diese Grundsätze gelegentlich erinnert werden.
Der Leser merkt über kurz oder lang, ob die Zeitung vom Verlag zum bloßen
Geldverdienen oder vor allem für den
Verbraucher, den Kunden, den Leser gemacht wird.
Es
ist fast überall in zivilisierten Staaten ähnlich: Offenbar kommt es für
Qualitätszeitungen in England, in Amerika, der Schweiz oder Deutschland nicht
nur darauf an „gut“ zu sein, sondern auch darauf, über einige handfeste
Funktionen und besondere Kompetenzen in bestimmten geographischen und
politischen Räumen zu verfügen und diese zu verteidigen, am besten sogar
auszubauen. Gute Zeitungen müssen und dürfen offenbar, wenn sie wachsen wollen,
nicht den Wunsch haben, jedermanns Zeitung zu werden. Denn jedermanns Liebling
ist bekanntlich jedermanns Dackel. Man könnte auch sagen: Qualitätszeitungen
sind nur etwas für Qualitätsleser. Ob Boulevardblatt, Zeitung für Deutschland
oder die Region.
Lokal-
und Regionalzeitungen
vor allem müssen sich in Zukunft also viele Gedanken machen - und sich neu
positionieren. Kostenlose Wochenblätter, kostenlose Monatszeitschriften, die
Ortsblätter, die regionalen Hörfunksender - ob privat oder öffentlich-rechtlich
- sind auch Fische, die im Teich des Medienmarktes fressen wollen. Und was sie
verschluckt haben, kann der große Anbieter schon nicht mehr fressen. Außer er
frißt den kleinen Fisch.
Heute
kann jeder Verleger werden – in einer Zeit, in der jeder mit einem anständigen
Computer und einigen Kenntnissen sein eigenes Blatt kreieren kann, wenn er
seinen Datenträger zu einem Druckhaus bringt , um dort sein Erzeugnis – sofern
er das Geld dazu hat – drucken zu lassen. Dann transportiert er mit dem
Privat-Pkw das Blatt von Tankstelle zu Tankstelle und deponiert es dort für
seine Kunden. In einer solchen Zeit muß auch ein großes Haus, ein großer Verlag
sehr beweglich werden, um am Markt mithalten zu können.
Und
auch die „Heilbronner Stimme“, unsere regionale Tageszeitung, wandelt sich ja
schon. Im Layout gibt es farbige Markierungen, die dem Leser den Weg zeigen.
Die Bilder werden bunter. Die Schrift ist größer geworden. Viele fragen sich,
ob es die richtige, erfolgversprechende Richtung ist, in die gesteuert wird.
Die direkte Konkurrenz fehlt – und das ist eigentlich das Tragische. Weil die
kleinen Fische im Teich oft zu spät gesehen werden. Vielleicht wird das neue
Team um Tilman Distelbarth, dem neuen Geschäftsführer unter den dreien
im Impressum, ganz neue Wege einschlagen – und alle im Unterland und der Region
werden sich demnächst verwundert die Augen reiben.
Vorläufig
sehe ich den Bestand der Tageszeitung nicht gefährdet. Aber auch bei den Tageszeitungen ist
der Markt in Bewegung. Im Osten Deutschlands hat sich der Westen eingekauft –
und wenn sich diese großen Zeitungen einmal rechnen, dann können sie und ihre
westdeutschen Mutterhäuser Appetit bekommen. Eine wirtschaftlich noch recht
gesunde Regionalzeitung mit neuem Druckhaus kann da durchaus Objekt der
Begierde für ein noch größeres Unternehmen im Medienbereich werden.
Erst
kauft man Anteile und
irgendwann hat man die Mehrheit. Und dann kommt der Mantel mit der
internationalen, nationalen und baden-württembergischen Politik, der Sport, die
bunten Seiten, die Wochenendbeilage, die Fernsehbeilage, die Sonntagszeitung
irgendwann einmal aus Stuttgart, Mannheim oder Karlsruhe. Technisch ist das ja
schon lange möglich. Aber die Verschachtelung unserer Tageszeitungsverlage in
Baden-Württemberg bietet hier viel Widerstand.
Da
die „Heilbronner Stimme“, was den Abonnementpreis anbelangt, heute doch recht
teuer ist, obwohl sie keine Sonntagszeitung aufweist, könnte auch diese Beigabe
dann geliefert werden – wie das heute schon in vielen Landesteilen
Baden-Württembergs zum normalen All- beziehungsweise Sonntag selbstverständlich
gehört. Das ist innovativ und spart Kosten. Aber noch ist es im Unterland nicht
soweit, was in anderen Landstrichen Medienalltag ist. Im Gegenteil: Im Hause
„Heilbronner Stimme“ wird an solche Erweiterungen momentan nicht gedacht.
55
Milliarden Mark hat die Werbebranche
im vergangenen Jahr ausgegeben. Das sind 2,8 Prozent mehr als im Vorjahr. 1996
entfielen 37,5 Milliarden Mark auf die Medien, wobei die Tageszeitungen im
Vergleich zum Vorjahr Einbußen in Höhe von 0,4 Prozent erlitten. Nach wie vor
stehen sie aber mit einem Erlös von 10,68 Milliarden als Werbeträger an der
Spitze. Werbeintensivste Branche war der Autosektor, dicht gefolgt von den
Massenmedien, deren heftiger Wettbewerb um Leser, Hörer und Zuschauer zu einem
Werbevolumen von 2,2 Milliarden Mark führte – ein Plus von 13,2 Prozent. Diese
Zahlen belegen den heftigen und auch teilweise gnadenlosen Kampf um Sie – die
Leser, Hörer und Zuschauer.
Vielleicht
laden Sie mich ja in zehn Jahren nochmals zu diesem Thema ein. Dann erzähle ich
Ihnen im Jahre 2007, wie rasant die Entwicklung im Medienbereich der letzten
zehn Jahre war. Und vielleicht werde ich dann feststellen müssen, wie überschaubar
es doch 1997 in der Medienlandschaft des Wirtschaftsraumes Heilbronn war. In
zehn Jahren – hier im Kaffeehaus Hagen in der Christophstraße.
Jürgen
Dieter Ueckert
Heilbronn,
5. Juni 1997
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